Anarchy in Rudolfsheim-Fünfhaus

26. August 2008, 18:42
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Vor rund acht Monaten haben 25 Punks das Haus in der Johnstraße 45 bezogen - Seitdem herrscht dort angeblich helle Aufruhr - Was die Punks dort wollen und sollen

Fünf Jahre lang hat die „Initiative Pankahyttn" für ein eigenes Haus auf Betriebskostenbasis gekämpft. Von Seiten der Stadt Wien gab es immer wieder Versprechungen, doch auf jede Annäherung folgte ein Rückzieher. Am 15. Dezember vergangenen Jahres bezogen sie schließlich einen baufälligen Altbau in Rudolfsheim-Fünfhaus.

Was für die Bewohner der Pankahyttn ein „Wohn-, Kultur- und Sozialprojekt" ist, nennt der vom Hausbesitzer Stadt Wien installierten Betreiber, der Fondss Soziales Wien (FSW), „ein Wohnprojekt für junge Erwachsene, sozial Verwahrloste und gesundheitlich Gefährdete". Die Punks fühlen sich von den Sozialarbeitern beobachtet, diese sich wiederum von den Punks missverstanden und manche Nachbarn sind mittlerweile Stammgäste am all monatlich stattfindenden „Runden Tisch" wo Bezirksvorsteher, Anrainer und Punks ihre Probleme miteinander besprechen. Auf eine Zigarette mit den Pankahyttnbewohnern Maria (29) und Borsti (25).

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Maria: Leider können wir dich doch nicht wie geplant ins Haus hereinlassen. Wir haben im Plenum darüber geredet und einige waren dagegen. Sorry.

Statt einer Hausbesichtigung gibt es ein Gespräch im Vorhof der Pankahyttn: auf dem wenige Quadratmeter großen, betonierten Vorplatz, der früher einer Eisdiele als Gastgarten diente, haben sich die Punks häuslich eingerichtet. Mit einem Heurigentisch und drei abgewetzten Fauteuils - unmittelbar daneben donnern die Autos über die dreispurige Johnstraße.

derStandard.at: Wie ist das Leben in der Pankyhyttn?

Maria: Schön langsam wird´s. Wir haben jetzt neue Fenster bekommen, das ist vor allem deshalb gut, weil es im Innenhof stark hallt und es deshalb öfter Troubles mit den Nachbarn gegeben hat. Außerdem war es im Winter eiskalt. Die Zwischenräume der alten Fenster waren komplett vereist. Man darf nicht vergessen, dass dieses Haus baufällig war, als wir eingezogen sind. Wir sind immer noch am Herrichten, aber es ist schön zusammen leben zu können.

Borsti: Wir schauen hier aufeinander und alles wird geteilt. Derjenige, der gerade Geld hat, kauft ein. Wir würden auch gerne dumpstern gehen (Anm.: verwertbare Nahrungsmittel aus dem Müll klauben), aber das ist in Österreich verboten. Die meisten Supermärkte haben ihre Müllcontainer abgesperrt. Was da alles weggeworfen wird, ist ein Wahnsinn. Wir verwerten so gut wie alles. Zum Beispiel machen wir aus altem, hartem Brot Semmelknödel.

Maria: Außerdem haben wir einen Kräutergarten und Tomaten angepflanzt. Nächstes Jahr würden wir gerne das Flachdach bepflanzen.

derStandard.at: Das klingt ja sehr idyllisch. Gibt es keine Probleme, wenn so viele Leute in einem Haus wohnen?

Maria: Nicht mehr oder weniger, als in jeder anderen Wohngemeinschaft. Wir sind circa 25 Leute mit fast ebenso vielen Hunden aufgeteilt auf 17 Zimmer. Sicher will man manchmal seine Ruhe haben, aber dann macht man eben die Tür zu.

derStandard.at: Wenn man die U-Bahnzeitungen liest, bekommt man den Eindruck, ihr liegt mit den Nachbarn im Dauerclinch.

Maria: Es gibt solche und solche. Einer führt beispielsweise eine Lärmliste. Wenn es ihm zu laut ist , vermerkt er Datum und Uhrzeit. Das Problem war bisher, wie gesagt, dass die Fenster so schlecht isoliert waren und es in dem betonierten Innenhof wahnsinnig hallt. Jetzt sollte das eigentlich besser werden. Aber grundsätzlich gibt es für solche Probleme den „Runden Tisch". Da treffen wir uns einmal im Monat mit den Bezirksvorstehern und Anrainern, um eben genau solche Dinge auszudiskutieren. Leider gibt es aber Leute, die lieber hinter vorgehaltener Hand schimpfen, anstatt uns direkt anzusprechen. Manche fürchten sich vielleicht weil sie uns nicht kennen und dass wir ein anderes Leben führen, als unsere Nachbarn ist auch klar, aber schließlich wollen wir ja nicht nur laut sein.

Wir hatten bisher zwei Feste, das Einweihungsfest und vor kurzem ein Sommerfest. Für das Sommerfest haben wir Flyer gemacht und an die Nachbarn verteilt, um sie zu informieren, dass es an diesem Abend lauter werden könnte.

Mit der Polizei haben wir jedenfalls die Vereinbarung, dass sie sich melden, wenn etwas zusammengekommen ist. Das klappt gut. Aber es gibt durchaus auch positive Reaktionen. Einmal haben uns Nachbarn eine Couch geschenkt, oder eine alte Frau hat Hundeleckerlis vorbeigebracht.

Borsti: Manchmal, wenn ich hier heraußen sitze, ein Buch lese und meinen Alk trinke, kommen Leute vorbei die das Haus anschauen und sagen, dass sie es cool finden.

derStandard.at: Wie ist das Verhältnis zum vielzitierten Trafikanten aus eurem Haus? Hat sich das mittlerweile gebessert?

Borsti: Der hat mir unlängst sogar ein Packerl von diesen dünnen, langen Mädchentschick geschenkt. Fand ich einen netten Zug.

derStandard.at: Und wie steht es um euer Verhältnis zu den Sozialarbeitern vom FSW? Auf eurer Website findet ihr ja sehr deutliche Worte, was deren Umzug vom Container vor dem Haus in die Pankahyttn betrifft. Angefangen mit „wir lehnen die, von der Stadt Wien überlegte Übersiedlung kategorisch ab" bis zu „der bestbewachte Container Wiens" in dem „sinnlos Kohle fürs Computerspielen und Nasebohren" vergeudet wird.

Maria: Wir brauchen sie hier nicht. Wenn wir etwas brauchen, dann gehen wir zu den Leuten von „Axxept" (Anm.: Streetworkeinrichtung in der Windmühlgasse im 6. Bezirk). Diejenigen von unseren Freunden, die auf der Straße leben, brauchen eine Anlaufstelle und das „Axxept" ist gut gelegen, weil es in der Nähe von der Neubaugasse ist.

derStandard.at: Und wie steht es um die Nutzungsverträge? Es war zu lesen, dass nun doch nicht, wie anfangs vereinbart einen gemeinsamen gibt sondern einzelne abgeschlossen wurden, um sich Rausschmisse vorzubehalten.

Maria: In Wirklichkeit gibt es immer noch keine Verträge und solange wir hier nicht gemeldet sind, hat die Stadt Wien auch keinen Überblick, wer hier wohnt. Jetzt werden die Wohnungen langsam fertig und immer heißt es, „in zwei Wochen", aber das hören wir schon seit Monaten.

derStandard.at: Themenwechsel: In ein paar Wochen sind Nationalratswahlen. Geht ihr wählen und vor allem: wen?

Maria: Sicher gehe ich wählen! Wahrscheinlich werden ein paar von unseren Leuten nicht gehen, aber der Großteil sicher. Ich persönlich schwanke zwischen Rot und Grün. Ich werde mich kurzfristig entscheiden, je nachdem welches Parteiprogramm mir mehr zusagt.

derStandard.at: KPÖ ist keine Option?

Maria: Die KPÖ geht gar nicht mehr, weil sie das EKH (Anm.: Ernst-Kirchweger-Haus) verraten und an einen Rechten verkauft haben. Damit haben sie unsere Stimmen verloren.

derStandard.at: Wie definiert ihr „Punk"?

Maria: Sorry, aber darauf antworte ich nicht. Das ist eine abgelutschte Frage.

derStandard.at: Dann anders: Was sind eure Ziele? Wofür setzt ihr euch ein?

Maria: Mietfreies Wohnen für alle! Wir haben vor einiger Zeit auch eine Veranstaltung zum Thema Grundsicherung gemacht. Die halten wir für sehr wichtig.

derStandard.at: Wenn die KPÖ so enttäuscht, warum keine eigene Liste gründen?

Maria: Dann müsste ich am Ende etwas versprechen, was ich nicht halten kann. Ich möchte nicht für gebrochene Versprechen verantwortlich sein, oder dafür, dass es anderen schlecht geht. (26.8.2008, derStandard.at, Birgit Wittstock)

  • Borsti (25) und Maria (29) sind es leid "Punk" definieren zu müssen.
    derstandard.at/wittstock

    Borsti (25) und Maria (29) sind es leid "Punk" definieren zu müssen.

  • Flagge bekennen in der Johnstraße 45.
    standard/wittstock

    Flagge bekennen in der Johnstraße 45.

  • Im Vorhof der Schlacht: "Wir brauchen die Sozialarbeiter hier nicht".
    standard/wittstock

    Im Vorhof der Schlacht: "Wir brauchen die Sozialarbeiter hier nicht".

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