Wifo: Finanztransaktionssteuer zuerst an EU-Börsen

26. August 2008, 12:08
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Bei der Umsetzung einer Finanztransaktionssteuer sollten in einer ersten Etappe zunächst die Spot- und Derivattransaktionen an Börsen in der EU erfasst werden

Wien - Bei der Umsetzung einer Finanztransaktionssteuer sollten in einer ersten Etappe zunächst die Spot- und Derivattransaktionen an Börsen in der EU erfasst werden. Daran müssten sich in erster Linie Deutschland und Großbritannien beteiligen, da annähernd 99 Prozent aller Börsentransaktionen in der EU auf diese beiden Länder entfallen, so Wifo-Experte Stephan Schulmeister in einem Beitrag im Wifo-Monatsbericht 8/2008.

Deutschland und Großbritannien müsste für die Bereitstellung besonders leistungsfähiger Börsen ein bestimmter Anteil an den Steuereinnahmen zufließen, der andere Teil könnte jedoch für supranationale Institutionen wie die EU bzw. supranationale Projekte im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit verwendet werden.

Mehrere Etappen

Eine generelle Besteuerung von Finanztransaktionen könne nur der Abschluss eines Umsetzungsprozesses in mehreren Etappen sein, meint Schulmeister. Sie würde vor allem die kurzfristig-spekulativen Transaktionen mit Finanzderivaten verteuern und so einen Beitrag zur Stabilisierung von Wechselkursen, Rohstoffpreisen und Aktienkursen leisten. Dies gelte insbesondere in Hinblick auf die trendverstärkenden Wirkungen des "schnellen" Handels mit Hilfe technischer "trading systems".

Das Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) hat das potenzielle Aufkommen aus einer Finanztransaktionssteuer für einzelne europäische Länder, große Regionen sowie für die Welt insgesamt geschätzt. Dabei wird angenommen, dass die Handelsvolumina als Folge einer solchen Steuer erheblich sinken, und zwar umso mehr, je höher der Steuersatz ist. Für Österreich würden die Erträge bei einem Steuersatz von 0,1 Prozent des Transaktionsvolumens 0,62 Prozent des BIP ausmachen. Ein Steuersatz von 0,01 Prozent würde 0,21 Prozent des BIP erzielen (1,6 bzw. 0,5 Mrd. Euro). In Deutschland lägen die Einnahmen bei 1,50 Prozent bzw. 0,47 Prozent des BIP.

Für die Weltwirtschaft insgesamt ergäbe sich ein Steuerertrag von 1,52 Prozent bzw. 0,49 Prozent des Welt-BIP bei einem Steuersatz von 0,1 Prozent bzw. 0,01 Prozent. In Europa und Nordamerika erbrächte eine generelle Finanztransaktionssteuer annähernd den gleichen Ertrag, er läge zwischen 2,2 Prozent und 0,7 Prozent des jeweiligen BIP (bei einem Steuersatz von 0,1 Prozent bzw. 0,01 Prozent).

Erhöhte Volatilität

Spekulation auf den Finanzmärkten erhöht die Volatilität von Wechselkursen, Rohstoffpreisen und Aktienkursen erheblich und bewirkt damit auch längerfristige Abweichungen dieser Preise von ihren "fundamentalen" Gleichgewichtswerten, führt Schulmeister aus. In den letzten 20 Jahren sei die Diskrepanz zwischen Finanztransaktionen und realwirtschaftlichen Aktivitäten angewachsen, gleichzeitig habe die Instabilität von Wechselkursen, Rohstoffpreisen und Aktienkursen zugenommen.

So sei im Jahr 2007 das Volumen der Finanztransaktionen 73,5-mal so hoch wie das nominelle Welt-BIP gewesen. Seit 1990 expandiert das Volumen fast fünfmal so rasch wie die Weltwirtschaft. "Motor" dieser Expansion seien die Derivatmärkte, insbesondere der Börsehandel mit Futures und Optionen. Sein Volumen war 2007 bereits 43,4-mal so hoch wie das Welt-BIP. Am stärksten seien diese Transaktionen in Deutschland gestiegen, 2007 waren sie bereits 52,6-mal so hoch wie das BIP. Das Handelsvolumen auf den Finanzmärkten sei jedenfalls viel zu hoch, um primär Transaktionen zwischen Hedgern (zur Absicherung) und Spekulanten widerzuspiegeln. (APA)

  • Wifo-Experte Stephan Schulmeister
    foto: standard/hendrich

    Wifo-Experte Stephan Schulmeister

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