Schubumkehr der Unglücksmaschine war aktiviert

26. August 2008, 10:11
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Auch sechs Tage nach dem Absturz der Spanair-Maschine in Madrid ist unklar, warum die Maschine am Boden zerschellte - Zeitungen berichten, dass die Piloten versucht haben könnten, vor dem Start abzubremsen

Eines der Triebwerke der in Madrid verunglückten Spanair-Maschine war auf Umkehrschub gestellt, als die Behörden es an der Unglücksstelle auffanden. Das berichteten am Dienstag gleich mehrere spanische Zeitungen übereinstimmend. Ob der aktivierte Umkehrschub aber die tatsächliche Unglücksursache ist, ist nicht gesichert. Der aktivierte Umkehrschub galt 1991 beim Absturz einer Boeing 767 der Lauda Air als Unfallursache.

Die spanischen Sicherheitsexperten müssen sich nun eine Reihe von neuen Fragen stellen: So etwa, wann der Umkehrschub aktiviert wurde und warum.

Mehreren überlebenden Passagieren und einer Flugbegleiterin zufolge fehlte dem Flugzeug beim Start Schub. Der Pilot könnte versucht haben, den Start abzubrechen, in dem er den Umkehrschub aktiviert habe, obwohl das Flugzeug dafür eigentlich bereits zu schnell war, schreibt etwa El País. Der eigentlich nur für die Landung vorgesehene aktivierte Umkehrschub am rechten Triebwerk würde erklären, warum das Flugzeug nach dem Start von der Startbahn nach rechts kippte.

Immer noch gibt es um das Madrider Unglück also viel mehr Spekulationen als Informationen. Manches längst für gesichert geltende Detail wird revidiert. So die Legende vom brennenden Triebwerk, das Augenzeugen beim Start gesehen haben wollen. Aufnahmen einer Überwachungskamera haben ergeben, dass das Flugzeug erst nach dem Aufschlagen auf dem Boden Feuer fing.

Die Suche nach den Schuldigen geht auch in den Medien weiter: Die spanische Luftfahrtbehörde hat die Zahl der Kontrollen der Flugzeuge in den vergangenen Jahren zwar massiv erhöht, allein Spanair wurde in diesem Jahr 100 mal kontrolliert. Das ist trotzdem zu wenig, findet die Tageszeitung El Mundo und zitierte in einem Artikel die Pilotengewerkschaft Sepla: "Es sind wenig und schlechte Kontrollen." Ein Gewerkschaftssprecher erklärte später, das nie gesagt zu haben, im Gegenteil bestätigte auch er, dass in den vergangenen Jahren stärker überprüft wurde.

Auch die Berichterstattung rund um das Unglück wird immer mehr zum Spektakel. Das Madrider Hotel, in dem immer noch Angehörige auf die Identifizierung einiger Toten warte, wird von Fernsehteams belagert. Kein Sender kommt ohne Übertragungswagen auf dem großen Madrider Friedhof Almudena aus.

Zum vorläufigen Tiefpunkt wurde dabei ein Beitrag eines argentinischen Fernsehsenders: Todo Noticias veröffentlichte am Montag den vermeintlich letzten Funkdialog der Piloten der Unglücksmaschine. Das spanische Infrastrukturministerium erklärte, es handle sich um eine Fälschung. Die Flugschreiber sind nämlich noch unter Verschluss. (Hans-Günter Kellner, Der Standard Print-Ausgabe, 27.08.2008)

 

Wissen: Die Bremse des Fliegers

Die Schubumkehr ist ein Verfahren zum Abbremsen eines Flugzeugs auf dem Boden. Die Triebwerke saugen die Umgebungsluft an und stoßen die Luft teilweise als Antriebsstrahl wieder aus, wobei Schubkraft erzeugt wird.

Bei ausgefahrener Schubumkehr wird der Antriebsstrahl abgelenkt und das Flugzeug dadurch langsamer. Passiert es, dass die Schubumkehr in der Luft und bei hoher Geschwindigkeit ausgefahren wird, gerät die Maschine bereits nach wenigen Sekunden außer Kontrolle. Allerdings sollte im Normalfall eine Automatik, die "control walth", so etwas verhindern

Der für Österreich wohl spektakulärste und tragischste Fall einer solchen Funktionsstörung war der Absturz der Boeing 767 "Mozart" der Lauda Air im Jahr 1991, die von Bangkok nach Wien fliegen sollte. Damals hatte ein verstopftes Ventil dazu geführt, dass die Schubumkehr eines Triebwerks automatisch ausgefahren wurde. Das Flugzeug stürzte aus 7500 Metern ab. Alle 223 Menschen, die an Bord waren, kamen ums Leben. (skh)

 

  • Der Absturz als Spektakel: Beatriz Reyes, eine der 18 Überlebenden des
Absturzes, wurde am Dienstag aus dem Spital entlassen. Beim
Flugzeugunglück starben 154 Menschen.
    epa

    Der Absturz als Spektakel: Beatriz Reyes, eine der 18 Überlebenden des Absturzes, wurde am Dienstag aus dem Spital entlassen. Beim Flugzeugunglück starben 154 Menschen.

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