Deutscher Polizeivize rechtfertigt Gewaltdrohung

23. Februar 2003, 15:50
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Dem mutmaßlichen Mörder Bankierssohns Von Metzler, Magnus G., wären notfalls Schmerzen zugefügt worden - Ministerpräsident deckt Polizei

Frankfurt/Main/Straßburg - Der Vizepräsident der Frankfurter Polizei, Wolfgang Daschner, hätte den mutmaßlichen Mörder des Bankierssohns Jakob von Metzler notfalls auch mit Gewalt zur Aussage gezwungen. In mehreren Interviews verteidigte Daschner nicht nur die umstrittene Gewaltandrohung bei der Vernehmung des Tatverdächtigen Magnus G, sondern erklärte auch: "Wir hätten es nicht bei der Drohung belassen." Der stellvertretende Behördenchef rechtfertigte sein Verhalten mit der Verpflichtung der Polizei zur Gefahrenabwehr und sprach von einer "extremen Ausnahmesituation".

Das Verhalten der Frankfurter Polizei war am Freitag vom Generalsekretär der Europarates, Walter Schwimmer, schwer kritisiert worden. "Die europäische Konvention der Menschenrechte ächtet Folder, egal unter welchen Umständen", hieß es in einer Aussendung. Wenn man ein Europa bauen wolle, das wirklich die Menschenrechte respektiert, müssen diese Prinzipien auch nachdrücklichst verteidigt werden, so Schwimmer. Er kündigte an, den Rat des Europäischen Anti-Folter-Komitees mit der Prüfung dieses Zwischenfalls zu beauftragen.

"Keine andere Möglichkeit gesehen"

In Interviews der "Frankfurter Neuen Presse", der "Frankfurter Rundschau" und der "Stern"-Onlineausgabe sagte Daschner, er habe keine andere Möglichkeit mehr gesehen, das Leben des kleinen Jakob zu retten, nachdem Magnus G. in einer über viele Stunden dauernden Vernehmung darüber geschwiegen habe, was mit dem Elfjährigen tatsächlich passiert sei. "Man musste von akuter Lebensgefahr ausgehen. Wir durften keine Zeit mehr verlieren", sagte Polizist.

Für den Einsatz von Zwangsmaßnahmen sei tatsächlich ein Übungsleiter für Kampfsportarten zur Verfügung gestanden. "Da gibt es etliche Möglichkeiten. Zum Beispiel, indem er ihm das Handgelenk nach hinten drückt und überdehnt", erklärte Daschner. Zudem gebe es am Ohr eine Stelle, "das weiß jeder Kampfsportler, wenn man da drückt, tut's weh, sehr weh". Die Anwendung von Gewalt wäre stufenweise gesteigert worden. Doch soweit sei es nicht gekommen, da Magnus G. auf die Drohungen sehr schnell reagiert und mitgeteilt habe, das Kind getötet und in einen See geworfen zu haben.

"Keine Folterungen"

Den Vorwurf, er habe zu Foltermethoden gegriffen, wies Daschner zurück. Es sei um die Ausübung unmittelbaren Zwangs gegangen, den man auch bei Personen anwende, die sich bei einer Festnahme wehrten. "Es gab keinen Gedanken an Elektroschocks. Es war ausdrücklich untersagt, ihn zu verletzen, ihn zu schlagen", betonte der Polizist. Zudem sei ein Polizeiarzt dabei gewesen, der den Auftrag gehabt habe, den Beamten zu sagen: "Nein, das geht nicht aus medizinischen Gründen."

Daschner war sich nach eigener Aussage darüber im Klaren, dass sein Verhalten eine juristische Überprüfung nach sich ziehen werde. Für ihn sei es in letzter Konsequenz um eine Güterabwägung gegangen. Auf der einen Seite habe das "Recht auf Leben des Kindes, auf der anderen Seite die körperliche Unversehrtheit" des Tatverdächtigen gestanden.

Er sei noch nie zuvor vor einer solch schwierigen Entscheidung gestanden, erklärte der Vizepräsident der Frankfurter Polizei. Doch aus dem Kollegenkreis, von seiner Familie und von Freunden habe er uneingeschränkte Unterstützung erfahren.

Ministerpräsident äußert Verständnis

Der hessische Ministerpräsident Roland Koch (CDU) hat Verständnis für die Gewaltandrohung der Frankfurter Polizei gegen den mutmaßlichen Entführer Jakob von Metzlers geäußert. Er sagte der "Bild am Sonntag" zur entsprechenden Anordnung des Polizei-Vizepräsidenten: "Wolfgang Daschner hat in einer schlimmen Konfliktsituation, in der er hoffte, das Leben des kleinen Jakob von Metzler noch retten zu können, für sich eine Entscheidung getroffen, in der er die letzte Chance sah, den Aufenthaltsort des vermeintlich noch lebenden Jungen zu erfahren."

Koch sagte: "Ich persönlich halte Daschners Verhalten in dieser schlimmen Konfliktsituation, in der er Leben retten wollte, für menschlich sehr verständlich." Es sei in einem Rechtsstaat selbstverständlich, dass dieses Verhalten juristisch überprüft werde. (APA)

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    Magnus G., Mörder des Jakob Metzler.

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