Vom Reden im Retourgang

25. August 2008, 19:28
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Ein Perchtoldsdorfer erfand die "Rückwärtssprache" und will an die Volkshochschule

Eigentlich ist Peter Ryborz ein Tausendsassa. Aber während andere, die weit weniger als der 47-jährige Perchtoldsdorfer auf die Beine stellen, sich über gute Netzwerke mehr als die ihnen (laut Andy Warhol) zustehenden 15 Minuten Ruhm sichern, tut sich Ryborz da ein bisserl schwerer.

Zumindest hierzulande: Seine "Vierter-Mann-Führungen" - szenisch angereicherte Führungen durch die Wienflusstunnel - wurden in Wien oft belächelt. Aber CNN feierte sie als "authentisches Wiener Abenteuer" ab.

Derzeit ist Ryborz aber Filmemacher. Seinen gerade fertiggestellten "Vierten Mann" ("das ist ein Film über Wiener, die in den Katakomben der Stadt Zwängen und Konventionen entfliehen") hat er gerade an die Viennale-Direktion geschickt. Und falls die Viennale sich nicht dafür begeistern kann, "kriegt den Film eben die Berlinale. Berlin ist ohnehin offener."

Einsam als Avantgarde


Und falls sich weder Berlinale noch Viennale für Ryborz' "Vierten Mann" erwärmen sollten, will dieser sich künftig der Volksbildung widmen. Als Sprachlehrer. Schließlich ist er auch Erfinder. Erfinder der "Rückwärtssprache".

Die, erklärt der gebürtige Essener, der als Kind nach Trofaiach und als Erwachsener nach Perchtoldsdorf kam, hat nur einen Nachteil: "Außer mir spricht sie keiner."

Dabei ist die Rückwärtssprache eigentlich einfach: Man spricht rückwärts. "Ich habe als Teenager Aufschriften rückwärts gelesen. Dann habe ich in Büchern jede Zeile vor- und zurückgelesen. Und dann habe ich auch im Kopf Wörter umgedreht." Aus Wörtern wurden Sätze - und irgendwann sprach Ryborz eben rückwärts.

Niemanden zum Reden

Mittlerweile, behauptet der Mann, der in der Josefstadt ein Souterrainlokal als "Creativbüro" führt, spreche er fast fließend, "aber ich habe keine Ahnung, ob man auch Konversation betreiben kann. Es gibt ja niemanden, mit dem ich reden könnte."

Feldversuche zeigten Ryborz aber, dass prinzipielles Interesse da ist: "Vor einigen Jahren durfte ich in einem dreitägigen Ritter-Rollenspiel einen Walddruiden mimen." Der Multi-Aktivist saß im Wald und sprach nur rückwärts. Bis die Mitspieler das durchschauten, dauerte es. Bis sie die von Ryborz gestellte Aufgabe lösten, auch: "Sie sollten ihre Namen rückwärts sagen, aber Rollenspieler wählen gern komplizierte französische Namen. Das war lustig."

Auch im "Vierten Mann" spielt die Rückwärtssprache eine Rolle - als Geheimsprache der Untergrund-Wiener: "Das ist der erste hochdeutsche Film mit deutschen Untertiteln." Aber der Spracherfinder plant schon weiter. Schließlich ist es doch ein bisserl fraglich, ob der Film je abseits jener Gruftie- und Rollenspielerszene, in der Ryborz eine fixe Größe ist, zu sehen sein wird: "Ein Volkshochschuldirektor hat mir einmal angeboten, Kurse abzuhalten. Auf dieses Offert werde ich nun zurückkommen."(Thomas Rottenberg/DER STANDARD-Printausgabe, 26.8.2008)

 

  • Maler, Filmemacher, Fackeltourveranstalter - und auch Spracherfinder: Ryborz vor seinem Selbstporträt im "Creativbüro".
    foto: robert newald

    Maler, Filmemacher, Fackeltourveranstalter - und auch Spracherfinder: Ryborz vor seinem Selbstporträt im "Creativbüro".

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