Haben wir in Peking die Zukunft gesehen?

25. August 2008, 19:08
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Hier ist die Bevölkerung weitgehend mit den Verhältnissen einverstanden - Von Hans Rauscher

Ein durchorganisierter Riesenstaat, der seine Bürger in einem autoritären Untertanenverhältnis hält, sie aber trotzdem zu patriotisch-begeistertem Mitmachen motivieren kann. Die Spiele seien perfekt organisiert gewesen, von der bombastischen Eröffnungsfeier bis zum Abschluss. So lobte es der Präsident des IOC. So haben sie es gern, die elitären Herren aus den westlichen Demokratien.

Natürlich, wenn sich auch nur ein Hauch von Protest regte, wurde er von den chinesischen Sicherheitskräften binnen Minuten im Keim erstickt. Natürlich gab es schamlose Manipulation - die "Minderheitenvertreter", die leider alle Schauspieler waren, noch dazu aus dem Mehrheitsvolk der Han-Chinesen. Manche (nicht mehr allzu viele) wissen noch, dass in Diktaturen und autoritären Regimen die Lüge integraler Bestandteil des Herrschaftssystems ist. Aber die Beschwichtiger sehen darüber gerne hinweg.

Andererseits ist nicht zu leugnen, dass eine große Mehrheit der Chinesen mit dem System einverstanden ist. Es hat ihnen durch wirtschaftliche Öffnung den Weg aus dem Elend und den Hungersnöten mit Millionen Toten ermöglicht, die noch unter Mao ihr Schicksal waren. China ist zur Weltmacht aufgestiegen, wird weltweit respektiert und gefürchtet. Individuelle Freiheit? Kann man darauf verzichten. So entsteht vor unseren Augen ein scheinbares Erfolgssystem: harte politische Repression, verbunden mit gemäßigter Marktwirtschaft und Nationalstolz.

Ähnliches gilt für das Russland Putins. Auch hier keine oder nur eine Pseudo-Demokratie, ein allumfassender Staatsapparat, eine gewisse wirtschaftliche Liberalisierung. Russland produziert im Unterschied zu China außer Öl und Gas nichts, was auf dem Weltmarkt zu verkaufen wäre. Aber eine Weile wird der Rohstoff-Boom noch halten.

Auch hier ist die Bevölkerung weitgehend mit den Verhältnissen einverstanden - auch sie sind eine riesige Verbesserung gegenüber den Millionen Toten und Lagerinsassen des Stalinismus. Auch hier spielt der Nationalismus eine große Rolle und die Außenpolitik ist um einiges aggressiver als die Chinas. In ein paar Jahren bei den Winterspielen in Sotschi wird man zwar nicht von "perfekter Organisation" sprechen - dazu ist Russland zu wenig durchorganisiert -, aber die Honoratioren des IOC werden abermals finden, dass die Abwesenheit wirklicher Freiheit und Demokratie kein solches Malheur ist.

Und es werden sich - wie schon jetzt - genügend Angehörige der europäischen Bildungsschicht finden, die finden, dass die USA um nichts besser sind als Russland, für dessen Drohungen und Übergriffe man doch Verständnis haben müsse (dass die Russen jetzt immer noch den georgischen Schwarzmeerhafen Poti besetzen, der für Europas Energieversorgung nicht ganz unwichtig ist, wird man schon wegerklären). Ist das die Zukunft? Selbstbewusste bis aggressive autoritäre Staaten, die den westlichen Demokratien ihren Willen aufzwingen? Die zur wirtschaftlichen Entwicklung keine Demokratie zu benötigen scheinen? Eine Menge Leute im Westen scheinen es jedenfalls in vorbeugender Unterwerfung zu glauben. (Hans Rauscher/DER STANDARD Printausgabe, 26. August 2008)

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