Proteste bremsen indisches Billig-Auto aus

25. August 2008, 19:07
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Der Zeitplan für das billigste Auto der Welt ist nicht mehr zu halten. Autobauer Tata droht, das Werk zu verlagern

Die Proteste gegen die Nano-Autofabrik nordwestlich von Kalkutta weiten sich aus. Der Zeitplan für das billigste Auto der Welt ist nicht mehr zu halten. Autobauer Tata droht, das Werk zu verlagern.

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Neu-Delhi - Kein lautes Wort entfuhr ihm - dazu ist Ratan Tata viel zu sehr Gentleman. Aber daran, dass er die Nase voll hat, ließ er keinen Zweifel. Wenn die Gewalt nicht ende, dann werde er die Fabrik verlagern, drohte der Boss des indischen Autobauers Tata. "Und wenn jemand glaubt, wir tun das nicht, dann liegt er falsch."

Sein Traum, das billigste Auto der Welt, droht zum Opfer einer politischen Schlacht zu werden. Eigentlich sollte der Nano bereits im Oktober vom Band laufen. Doch der Zeitplan ist nicht mehr zu halten.

Gewalttätige Proteste haben Tatas Volksauto für die Ärmeren ausgebremst. Seit Monaten macht die Opposition im Bundestaat West-Bengalen gegen die Nano-Fabrik in der Ortschaft Singur, eine Stunde Autofahrt von Kalkutta entfernt, mobil. Sie verlangt die Rückgabe von 400 Hektar Land an Bauern. Am Sonntag eskalierte der Konflikt weiter.

Oppositionsführerin Mamata Banerjee rief zu einer unbefristeten Belagerung des Werkes auf. Angeblich wurden bis zu 200.000 Menschen erwartet. Demonstranten umzingelten die Fabrik und schlugen Zelte auf. Feldküchen wurden eingerichtet, um die Massen zu versorgen. Die Polizei verwandelte das Werk in eine Festung und verbarrikadierte die Tore. Sie hielt Wasserkanonen bereit.

Ratan Tata fürchtet um die Sicherheit seiner Arbeiter und ihrer Familien. Viele trauen sich aus Angst nicht mehr zur Fabrik. Banerjee ist nicht zimperlich. Auf Plakaten drohen die Protestierenden den Tata-Mitarbeitern ernste Konsequenzen an. Einige Arbeiter sollen bereits verprügelt worden sein. Man werde gehen, wenn man in Singur nicht willkommen sei, sagte Tata.

Nun begibt es sich, dass 2009 in Indien gewählt wird. Und mit Landfragen lässt sich wunderbar polarisieren. West-Bengalen wird von dem Kommunisten Buddhadeb Bhattacharjee regiert. Er gilt als Pragmatiker unter Indiens Kommunisten und bemüht sich eifrig, Firmen in dem bitterarmen Bundesstaat anzusiedeln. Seine Regierung hatte das umstrittene Landstück von Bauern gekauft und an Tata verpachtet.

Doch dann geriet das Projekt ins Visier von Banerjee, der kämpferischen Chefin der Trinamool Kongresspartei. Sie wirft der Landesregierung vor, 400 Hektar Farmland enteignet zu haben. Die Regierung hatte zwar Entschädigungen gezahlt, aber nicht alle Bauern verkauften freiwillig. Verzweifelt versucht Bhattacharjee nun zu retten, was zu retten ist. Doch auch mehr Geld für die Bauern lehnt Banerjee bisher ab.

Der Konflikt ist kein Einzelfall in Indien. Freies Land ist auf dem dicht bevölkerten Subkontinent, wo immer noch zwei Drittel der Menschen von Ackerbau und Viehzucht leben, knapp und heiß umstritten. Das erschwert die Ansiedlung von Industrie. Immer wieder kommt es deshalb zu explosiven Kontroversen. Und immer wieder geraten Unternehmen ins politische Kreuzfeuer.

Das ist nicht gerade attraktiv für Investoren. Dabei ist Ratan Tata Inder und weiß besser als Ausländer um die Fallstricke von Indiens tückischer Innenpolitik. Bisher hat der indische Autobauer 236 Mio. Euro in das Werk investiert. Die müsste er abschreiben, falls er abzieht. Alternativen gibt es: Mehrere andere indische Bundesstaaten klopfen bereits laut bei Tata an die Tür - und versprechen ihm einen "roten Teppich". (Christine Möllhoff, Neu-Delhi, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26.8.2008)

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    Vertreter der Trinamool Kongresspartei klettern auf einen Hügel, von dem aus sie die Tata-Fabrik beobachten können. Tausende Bauern protestieren gegen die geringen Land-Kompensationen. Foto: AP
    Oppositionspolitikerin Mamata Banerjee.

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