Peking, Berlin, Wien

25. August 2008, 18:29
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Auch in Österreich wurde aus Anlass der Sonntag zu Ende gegangenen Olympischen Spiele so manche Unfreundlichkeit gegen deren Veranstalter in die Welt gesetzt

Auch in Österreich wurde aus Anlass der Sonntag zu Ende gegangenen Olympischen Spiele so manche Unfreundlichkeit gegen deren Veranstalter in die Welt gesetzt. Nicht nur, was die politischen Verhältnisse in China und die dortige Freiheit der Meinungsäußerung betrifft. So war auch von faulen Tricks bei der Eröffnung die Rede, was ein Kleinformat, das mit seiner entschiedenen Abneigung gegen faule Tricks die Mehrheit der Österreicher hinter sich zu scharen behauptet, Sonntag vorbeugend zu dem Aufmacher veranlasste: Falsche Sänger, falsches Feuerwerk - Faule Tricks auch bei Schlussfeier?

Im Abstand von einigen Jahrzehnten wird dieser Versuch, den olympischen Geist zu trüben, vielleicht ebenso als politisch korrekte Berichterstattung entlarvt werden, wie dies der freiheitlichen Postille "Zur Zeit" nun am Beispiel der Spiele von 1936 in Berlin gelungen ist. Sie kann zwar nicht umhin einzuräumen: Die "Nazi-Olympiade" wurde laut einhelliger Meinung der aktuellen zeitgeschichtlichen Forschung ausschließlich für die "nationalsozialistische Propaganda" ausgenutzt. Aber eine Kleinigkeit richtigzustellen, war den freiheitlichen Hobbyforschern schon wichtig.

So gab es einen prominenten Zeitzeugen, an dessen einschlägiger Aufrichtigkeit kein Zweifel zu begründen ist und an dem auch "Zur Zeit" nicht vorbei konnte, der bestätigt, dass Hitler dem schwarzen Sportler Jesse Owens nach seinem Sieg einen Handschlag verweigerte. Baldur von Schirach habe in seiner Biografie "Ich glaubte an Hitler" eine dumme Lüge begründet, die weltweit immer wieder nacherzählt wurde: "Wenn Hitler im Stadion war, beglückwünschte er in seiner Loge die Sieger. Als Jesse Owens den Hundertmeterlauf gewonnen hatte, sagte Hitler: ,Die Amerikaner sollten sich schämen, daß sie sich ihre Medaillen von Negern gewinnen lassen. Ich werde diesem Neger nicht die Hand geben.'"

Baldur von Schirach war immerhin dabei, und die Welt war bisher nicht darauf angewiesen, sich ausgerechnet von ihm den Urheber der Nürnberger Rassengesetze als Fan des nordischen Edelmenschen decouvrieren zu lassen. Aber 72 Jahre später weiß es ein gewisser Ernst Brandl, der in "Zur Zeit" dabei ist, besser: Das ist frei erfunden.

Und dafür hat auch er einen Zeitzeugen: Jesse Owens. Nicht dass der behauptete, Hitler habe ihm die Hand gereicht, auch nicht, dass er widerlegt, was Baldur von Schirach frei erfunden hat, aber eine gewisse, wenn vielleicht auch ephemere Zuneigung des braunen Führers zum schwarzen Läufer muss in der Berliner Luft gelegen sein. In seiner "Jesse Owens Story" (1970) schreibt er: "Als ich am Kanzler vorbeikam, stand er auf, winkte mir zu." Von einem Kontaktversuch des Führers in ähnlicher Qualität wusste schon der Herr Karl anlässlich des März 1938 an der Ringstraße zu berichten. Kein Wunder daher: Owens hat in seinem Buch "Blackthink" kein Wort über diesen angeblichen Vorfall oder irgendeine "Herabwürdigung" bei der Olympiade 1936 verloren. Was daran liegen dürfte, dass der angebliche Vorfall eben nicht vorgefallen ist, und Jesse Owens es als keine "Herabwürdigung" empfunden hat, von Hitler nicht die Hand geschüttelt zu bekommen.

Im Bemühen, Baldur von Schirach als schnöden Lügner zu entlarven und Hitler als unbeschwerten Winker über alle Rassenschranken zu preisen, lässt besagter Brandl noch eine Zeugin aussagen. Gibt es doch etwa einen (berührenden) Brief der deutschen Sportlerin Helene Mayer (1910- 1953), Tochter eines jüdischen Arztes und einer nichtjüdischen Mutter. Mayer war 1929, 1931 und 1939 Weltmeisterin im Florettfechten ... Als 1933 die Nationalsozialisten in Deutschland an die Macht kamen, wurde sie zwar aus ihrem Verein ausgeschlossen. Trotzdem war sie bereit, 1936 in der deutschen Florett-Mannschaft mitzumachen, und gewann für Deutschland prompt die Silbermedaille. Also doch keine Nazi-Olympiade!

Hans Dichand übrigens hat diese Argumentationsmethode auch drauf. So am Freitag: Wir stehen im Wahlkampf zwar gegen die von der EU materiell beeinflussten Zeitungen allein, nur wissen wir die Mehrheit der "Krone"-Leser hinter uns. So sind wir eine Mehrheit, von der wir glauben, dass wir uns gemeinsam für das Gute, das Richtige, für eine echte Demokratie durchsetzen werden. Aus einer unbewiesenen Mehrheit der Leser macht die "Krone" im selben Handumdrehen eine absolute Mehrheit für das Gute, das Richtige wie "Zur Zeit" aus Hitler einen Fan von Jesse Owens.(Günter Traxler, DER STANDARD; Printausgabe, 26.8.2008)

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