Gewalt und Skandal im Fragment

25. August 2008, 17:47
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Das Cleveland Orchestra mit einem eher disparaten Konzert in der Felsenreitschule

Salzburg - Jetzt spielen die nicht nur Oper in Salzburg, sondern auch noch Walzer - und das gar nicht schlecht: Jedenfalls war der Kaiser-Walzer op. 437 von Johann Strauß die reizvollste Interpretation im dramaturgisch eigenwillig zusammengewürfelten zweiten Konzert des Cleveland Orchestra unter Franz Welser-Möst am Sonntag in der Felsenreitschule.

"Unvollendetes, Skandalöses und Walzerseligkeit" lautet der Titel des Programmheftbeitrags - und das war es auch. Seltsam, aber noch viel seltsamer die farb- und spannungslosen Wiedergaben seitens eines Orchesters, das als Opern- und Residenzorchester bisher bei den Festspielen noch jedes Mal hat aufhorchen lassen.
Ein Schubert-Fragment nahm kaum die Aufmerksamkeits-schwelle: So dumpf und ohne Ziel schien das Stück weniger über die Rampe denn aus einem ziemlich gut überdachten Orchestergraben zu kommen.

Ebenfalls ein Fragment, nicht vom Komponisten instrumentiert, ist Béla Bartóks Konzert für Viola und Orchester Sz 120. Solistin Kim Kashkashian spielte, ja stampfte, sich die Seele aus dem Leibe. Ihre mitreißende Interpretation, transparent und schlank im Ton, dabei voll Energie, fand nur wenig Response bei Orchester und Dirigent.

Welser-Möst reagierte auf die Kraft der Solistin mit buchhalterischer Rhythmus-Gebarung, die Musiker mit sauber exekutierten Stimmen. Da hat nichts gefehlt, es hat auch nichts gestört - außer der beiläufigen Grundhaltung gegenüber dem aufregenden Solopart.

Die Musik zu Bartóks "Wunderbarem Mandarin" ist vollendet. Die Ballettpantomime stand für das "Skandalöse", gab es bei der Uraufführung 1926 doch einen Skandal, weil die dem Werk immanente Gewalt sich in der Musik ausdrückte.

Das Cleveland Orchestra arbeitete die Gewaltattacken, die sich in grandiosen Rhythmus-Studien, aufregenden Crescrendi und gar nicht beruhigend wirkenden De-Crescendi niederschlagen, plastisch und dramatisch heraus.

Auch die Instrumentation - gestopfte Blechbläserklänge, Celesta, Harfe und Klavier im bizarren Dialog mit dem Schlagzeug - tat ihre Wirkung. Und warum am Ende Kaiser-Walzer? Vielleicht weil er in Berlin uraufgeführt worden ist, und Berlin auch als Uraufführungsort für den "Mandarin" zur Diskussion stand? Traumverloren schön gespielt, dabei ganz ohne Sentimentalität oder K.-u.-K.-Anklänge, jedenfalls führte dieser Konzertwalzer Fantasie und Gemüt des Zuhörers erstmals an diesem Abend aufs Parkett. (Heidemarie Klabacher, DER STANDARD/Printausgabe, 26.08.2008)

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    Das Cleveland Orchestra unter Franz Welser-Möst: Zwischen buchhalterischem Gebaren und traumverlorener Schönheit.

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