Der Charme kollektiver Elegien

25. August 2008, 17:43
1 Posting

Der dritte Tag beim Jazzfest Saalfelden bot bunte Auslegungen historischer Stile

Saalfelden - Verlockend, nach vierzehn Konzerten auf der Hauptbühne (und ein paar markanten Randerscheinungen) die Frage durchzugrübeln, ob das Gebotene eine Tendenz aufweist, ob diese Musik mit dem Hang zur Improvisation ein Trend durchbeutelt. Und natürlich ließe sich aus dem Saalfelden-Kunstmix ableiten, dass die reinterpretierende Auseinandersetzung mit der Historie zunimmt und dass die Anbindung von Elektronik-Fantasie an jazzige Instrumentalkünste nach wie vor als ergiebig empfunden wird.

Allerdings muss man ein Programm wohl auch als pragmatische Fusion des Typischen und des finanziell Möglichen betrachten; als Kompromiss, der dann auch einen Mix im Sinne einer der Ermüdung vorbeugenden Vielfalt ergibt.

Insofern ist der dritte Tag auch als Versuch deutbar, durch Buntheit letzte Hörkräfte freizusetzen. Da war die muntere Bläserarbeit der Slide Family mit ihrer sympathischen Reanimierung kollektiver Trötenergien. Da war Bassistin Helene Labarriere mit ihrem akustischen Quartett in Suitenform nur solide unterwegs auch zu expressiv verzerrten Bereichen. Schließlich die Formation Food: Loungemäßig ansetzend, fand sie im Laufe der Performance zusammen mit Laptopgitarrist Christian Fennesz zu dichten Atmosphären, in denen sich subtil energetisches Schlagwerk (Thomas Stronen) und ein an Coltrane orientiertes Saxofon (Ian Ballamy) produktiv mixen. Hier führt das langsame Anbahnen der Ereignisse tatsächlich zu solchen.

Bei Craig Taborns Junk Magic leider nicht. Endlos döst man da in musikalischen Tropfsteinhöhlen, langsam gehen die Material-Metamorphosen vor sich. Doch was nach Transformationen zutage tritt, löst auch nur Blicke auf die Uhr aus. Ein Programmkontrast, jedoch nicht in der intendierten Form.

Dann schon lieber die Auseinandersetzung mit Don Cherrys historisch relevanter Symphony For Improvisers. Trompeter Dave Douglas besetzt Bass und Schlagzeug doppelt, ist selbst Teil eines Bläserquartetts und immerhin: Hier lodert die Energie des freien Spiels auf, hier ist sie sinnvoll konstruiert durch komponierte Themeninseln. So entsteht ein elastisches Gebilde - gebaut aus nervös brodelnder Rhythmusbasis und einer kollektiven Elegie der Bläser.

Dave Douglas zeigt: Interpretation im Jazz wird durch Einpflanzen eigener Individualität in das zu Interpretierende sinnvoll. Der Improvisator überlebt quasi nur als Mitkomponist. Für den dreißigsten Geburtstag des Festivals, im nächsten Jahr, würde den zuständigen Programmköpfen übrigens ein Original vorschweben. Ornette Coleman ist allerdings eine Frage des Geldes, der Mann kostet an die 50.000 Euro pro Abend. (Ljubiša Tošic, DER STANDARD/Printausgabe, 26.08.2008)

  • Improvisieren bedeutet Mitkomponieren: Trompeter Dave Douglas.
    foto: porgy & bess

    Improvisieren bedeutet Mitkomponieren: Trompeter Dave Douglas.

Share if you care.