"Es gibt keine dominierenden Botschaften mehr"

25. August 2008, 17:44
1 Posting

Politologin D. Sunshine Hillygus im STANDARD-Interview: Bei Conventions spielt sich immer mehr "unter dem Radar" ab

Das Wirtschaftsthema sei wichtig, sagt die Politologin D. Sunshine Hillygus zu Christoph Prantner. Conventions und Wahlkampagnen beherrsche es nicht, denn dort spiele sich immer mehr unter dem Radar ab.

***

STANDARD: Die Umfragen sehen für Barack Obama derzeit nicht gut aus, wie bewerten Sie die Zahlen?

Hillygus: Sieht man sich die generellen Voraussetzungen an – Präsident Bush mit historisch niedriger Zustimmung, die schlechte Wirtschaftslage, die Republikaner in der Defensive – sollte Obama eigentlich um Längen vorne sein. Dennoch müssen sich die Obama-Anhänger noch nicht allzu große Sorgen machen: Was zählt, sind nicht Umfragen auf nationaler Ebene, sondern jene in den Battle-ground-Staaten.

STANDARD: Auch dort hat John McCain zuletzt aufgeholt.

Hillygus: Das hat vor allem damit zu tun, dass es sehr viel Unsicherheiten über Obama gibt. In den Primaries hatten es die Meinungsforscher mit engagierten, deklarierten Bürgern zu tun. Jetzt interviewen sie komplett andere Wähler. Viele Befragte haben sich noch gar nicht mit den Wahlen im November auseinandergesetzt. Dazu kommt ganz generell, dass die Amerikaner zu wissen glauben, was sie bei McCain bekommen. Bei Obama, dessen Hintergrund noch nicht so ausgeleuchtet ist, ist das naturgemäß viel unklarer. Das kann Obama, beginnend mit der Convention in Denver, aber durchaus aufholen. Schwerer wiegt, dass sich die politische Geografie der USA 2000 und vor allem 2004 – und von diesem Status quo muss man ausgehen – einfach zugunsten der Republikaner verändert hat.

STANDARD: Obama, heißt es, könne die demokratische Kernwählerschaft nicht ansprechen.

Hillygus: Vor allem die Clinton-Anhänger brauchen noch Zeit, um auf Obama überzuschwenken. Aber sie werden sich in den kommenden Wochen hinter ihn stellen, davon bin ich absolut überzeugt.

STANDARD: Werden die Clintons Obama voll unterstützen?

Hillygus: Ja. Worum es Hillary bei der Convention vor allem geht, ist zu zeigen, welches Ausmaß an Unterstützung sie genießt. Sie wird keine Spielverderberin sein. Das Problem der Demokraten ist vielmehr, dass die Journalisten nach Konflikten suchen werden. Und es findet sich immer ein Delegierter, der diese bestätigt.

STANDARD: Welche Themen werden den weiteren Wahlkampf dominieren? Wird wieder die Wirtschaftslage wahlentscheidend werden?

Hillygus: Die Kampagnenführung hat sich stark verändert. Wir können nicht mehr sagen: ,It’s the economy, stupid‘, wie das bei Bill Clinton noch der Fall war. Die neuen Informationstechnologien geben den Kampagnen viel mehr Informationen über einzelne Wähler an die Hand als je zuvor. Die Botschaften werden über das Internet viel zielgenauer versandt – an Abtreibungsgegner, Wirtschaftsinteressierte, Jäger etc. Es gibt keine alles dominierenden, zentralen Botschaften mehr. Es passiert sehr viel unter dem Radar der öffentlichen Wahrnehmung. 2004 zum Beispiel haben die Republikaner Motorschlittenfahrer kontaktiert, um sie vor den Demokraten zu warnen. Aus Umfragen weiß man nichts über Motorschlittenfahrer. In einzelnen Wahlkreisen können sie aber durchaus entscheidend sein.

STANDARD: Einige Experten behaupten, diese Wahl entscheiden entweder die Jungwähler oder die Rassisten. Eine zulässige Verkürzung?

Hillygus: Das ist nicht ganz akkurat. Obama hat die Unterstützung vieler Jungwähler. Aber das hatten die Demokraten schon immer. Die Frage ist, engagieren sich die nur im Internet oder gehen sie auch wählen? Die Alten jedenfalls gehen wählen. Und die sind für McCain. In den USA spielt die Rassenfrage eine Rolle, sicher. Obama wird sich damit auseinandersetzen müssen, auch wenn McCain das Thema wohl nicht ausnutzen wird. Es gibt Wähler, die Obama wegen seiner Hautfarbe nicht wählen werden. Es gibt aber auch welche, die ihn gerade deswegen wählen. Wie soll man weißen Rassenhass mit weißen Rassenschuldgefühlen bilanzieren? Wir wissen es nicht. Die meisten Wähler werden die Frage einfach ignorieren. (DER STANDARD, Printausgabe, 26.8.2008)

  • Zur Person
D. Sunshine Hillygus ist Associate Professor of Government an der
Harvard University. In ihrem jüngsten Buch ("The Persuadable Voter:
Wedge Issues in Presidential Campaigns", gemeinsam mit Todd Shields)
befasst sie sich mit Streitthemen in US-Wahlkämpfen.
 
    foto: harvard university news office/rose lincoln

    Zur Person

    D. Sunshine Hillygus ist Associate Professor of Government an der Harvard University. In ihrem jüngsten Buch ("The Persuadable Voter: Wedge Issues in Presidential Campaigns", gemeinsam mit Todd Shields) befasst sie sich mit Streitthemen in US-Wahlkämpfen.

     

Share if you care.