Von Holzköpfen und Derbys

25. August 2008, 12:40
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Wenigstens das Trommelfell von Georg Koch blieb nach dem Böller-Wurf unverletzt. Der mutmaßliche Täter wurde ausgeforscht. Es war gut, dass Rapid 3:0 gesiegt hat. Sagt die Austria.

Wien - Rapid-Tormann Georg Koch musste am Montagvormittag eine eingehende HNO-Untersuchung über sich ergehen lassen. Dabei wurden eine Vertäubung und ein Tinnitus im rechten Ohr (Rauschen bzw. Piepsen) diagnostiziert. Zudem litt der 36-jährige Deutsche auch 20 Stunden nach dem Böller-Wurf an Gleichgewichtsstörungen und Übelkeit. Das Trommelfell, dies die positive Nachricht, blieb aber unverletzt.

Koch muss mindestens zwei Wochen pausieren, wird ambulant behandelt, bekommt täglich Infusionen. Klubarzt Benno Zifko kontrolliert den Heilungsprozess, ein bleibender Gehörschaden ist nicht auszuschließen. Der Goalie sagte am Tag danach, er sei nach dem Vorfall schwer geschockt gewesen. "Ich habe in meiner Karriere schon viele hitzige Derbys absolviert, bin aber noch nie von gegnerischen Fans verletzt worden." Er hoffe, bald wieder im Tor zu stehen. "Unsere Mannschaft hat auf dem Platz die richtige Antwort gegeben."

Rückblick, Hanappi-Stadion, 24. August, 286. Wiener Derby, kurz nach 17 Uhr: Rapid führt nach fünf Minuten 1:0, Sekunden später sackt Koch zusammen. Neben ihm, vielleicht sogar auf ihm, ist ein Böller explodiert. Verwirrung, Unterbrechung, Schiedsrichter Thomas Steiner fragt Kapitän Steffen Hofmann, ob Rapid gewillt sei, weiterzutun. Hofmann, leicht überfordert, rennt zur Westtribüne, also zum harten Kern der eigenen Fans, fordert sie auf, ruhig zu bleiben, sich nicht an Austria-Goalie Szabolcs Safar zu revanchieren. Er verspricht, dass Rapid gewinnen werde. Die Gesprächspartner halten sich an die Abmachung, Raimund Hedl ersetzt Koch, Rapid siegt souverän mit 3:0.

Bis zu drei Jahre Haft

Der mutmaßliche Täter, ein ungefähr 25-jähriger Austria-Fan, der bisher nicht aufgefallen war, wurde noch am Abend anhand der Videoaufzeichnungen ausgeforscht. Er wurde verhört, auf freiem Fuß angezeigt. Ihm drohen wegen schwerer Körperverletzung bis zu drei Jahre Haft. Vor dem Match gab es Sachbeschädigungen in der U-Bahn, danach prügelten Rapidler Austrianer (oder umgekehrt), ein Beamter wurde bei der Amtshandlung leicht verletzt. Der Wiener Polizeisprecher Georg Stella sieht trotzdem keine Gewalteskalation bei Derbys: "Die waren immer heiß. Wir bemerken aber, dass sogenannte Allerweltsspiele, die früher relativ ruhig waren, unangenehmer werden."

Der Strafsenat der Bundesliga wird die Causa in der nächsten Woche verhandeln. Rapid könnte als Gastgeber sogar die höhere Geldstrafe ausfassen (zwischen 10.000 und 50.000 Euro). Allerdings wird dem Verursacherprinzip mehr Bedeutung beigemessen, und Schuld war halt doch eher der Gast. Austria-Vorstand Markus Kraetschmer hat sich bei Koch offiziell entschuldigt und Konsequenzen angekündigt: "Null Toleranz. Wir lassen uns von ein paar Chaoten nicht in die Knie zwingen." Den gewaltbereiten Kern grenzt Kraetschemer auf 25 Personen ein. "Wir werden sie ausfindig machen, Stadionverbote verhängen. Sind sie weg, gibt es auch keine Mitläufer mehr."

Rapid hätte gern die Tabellenführung besprochen, Branko Boskovic seine beiden Tore geschildert. Trainer Peter Pacult hat die Vorstellung dann trotzdem gelobt, "von Holzköpfen lasse ich mir den Sieg nicht verderben". Kollege Karl Daxbacher fand in der Niederlage sogar etwas Positives. "Unvorstellbar, was passiert wäre, hätten wir gewonnen. Aber diese Frage hat sich aufgrund unserer Leistung nicht gestellt."

Rapid-Präsident Rudolf Edlinger sagte, der Fußball solle eigentlich der "Erbauung des Menschen" dienen. "Ein paar Trotteln ignorieren das." Er selbst erbaute sich dann an der Tabellenführung. "Ein Derbysieg ist immer etwas Besonderes." (Christian Hackl; DER STANDARD Printausgabe 26. August)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Torhüter Georg Koch geht von einem Böller getroffen zu Boden.

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