Die Macht eines "leeren Sessels"

25. August 2008, 10:51
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Wie mit der Integrativen Gestalttherapie Unbewusstes bewusst gemacht wird und dadurch Veränderungen möglich werden

Worte allein sind oft zu schwach, um ins Unbewusste vorzudringen und Muster aktiv aufzudecken. Die Integrative Gestalttherapie geht davon aus, dass alle für den Beginn und den Fortgang der Psychotherapie notwendigen Informationen verbal und nonverbal im Jetzt erkennbar gemacht werden.

Neben Gesprächen, die der primäre Ausgangs- und Endpunkt jeder therapeutischen Sitzung sind, machen sich integrative Gestalttherapeuten aber auch Techniken des Psychodramas wie zum Beispiel Rollenspiel und Rollentausch zunutze.

Mit Symptomen sprechen

Besonders eindrücklich ist die Methode des "Empty Chair" (leerer Sessel). Dabei wird einem Objekt oder einem Menschen eine Rolle zugeteilt. Ein Beispiel: "Leidet ein Klient unter chronischen Magenschmerzen, lässt er diese sinnbildlich auf einem leeren Sessel gegenüber Platz nehmen", erklärt die Wiener Gestalttherapeutin Anna Maurer. Auf diese Weise werden die Magenschmerzen zu einer Art "eigenständigen Person", zu der der Klient dann Kontakt aufnehmen kann. Die im Symptom Magenschmerzen enthaltenen Botschaften ließen sich so erlebbar, verstehbar und integrierbar machen, sagt Maurer.

Auf Eigenverantwortlichkeit vertrauen

Und sie lassen sich damit auch beeinflussen. Die Integrative Gestalttherapie vertraut dabei auf die Eigenverantwortlichkeit jedes Menschen, und der Patient selbst wird als Experte für sich selbst betrachtet. Das heißt: Er selbst steuert seinen Entwicklungs- und Heilungsprozess.

Ursache vieler Probleme sind zwischenmenschliche Beziehungen. Weil Menschen Menschen brauchen, kann Identität nur über zwischenmenschliche Kontakte erworben werden. In der Kindheit sind es die Eltern und Geschwister, später die Schulkameraden, Freunde und Lebenspartner, die jeden Menschen prägen.

Neudefinitionen

Worum es in jeder Beziehung immer auch geht, ist Grenzen gegenüber anderen setzen zu lernen, denn nur so lassen sich psychische Schäden abwehren. Im Zentrum des gestalttherapeutischen Prozesses steht deshalb auch die therapeutische Beziehung: Der Kontakt mit dem Psychotherapeuten ermöglicht es, individuelle Beziehungsmuster zu reaktivieren. Das heißt durch Übungen und neue Erfahrungen gewünschte Veränderungen gemeinsam zu erreichen.

Einzel-, Gruppen- und Paartherapien

Die Settings für die integrative Gestalttherapie sind flexibel. Sie wird in Einzel-, Gruppen- und Paartherapien angeboten. Die Integrative Gestalttherapie eignet sich aber genauso gut für die Supervision im beruflichen Alltag. Manche Methoden werden im Coaching sehr erfolgreich angewendet, auch im pädagogischen Bereich sind Methoden der Integrativen Gestalttherapie mit Kindern aller Altersgruppen erfolgreich.

(Andrea Niemann, DER STANDARD, Printausgabe, 25.08.2008)

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    Besonders eindrücklich ist die Methode des "Empty Chair" (leerer Sessel). Dabei wird einem Objekt oder einem Menschen eine Rolle zugeteilt.

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