"Neue Erinnerungen schaffen"

25. August 2008, 10:34
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Durch gelebte Beziehung im Hier und Jetzt seelische Wunden der Vergangenheit heilen ist ein Grundprinzip der Gestalttherapie. Andrea Niemann sprach mit der Gestalttherapeutin Anna Maurer über therapeutische Mittel.

STANDARD: Worauf lässt sich ein Patient bei einer Gestalttherapie ein?

Maurer: Die Gestalttherapie sieht die Ursache für Schwierigkeiten in einer Palette von schädigenden Beziehungserfahrungen. Umgesetzt auf die Behandlung bedeutet das: Wenn eine Beschädigung der Seele und des Körpers in erlebten Beziehungen erfahren wurde, dann wird auch die Heilung im Erleben von Beziehung stattfinden. Es ist das Dialogische Prinzip.

STANDARD: Wie wird es umgesetzt?

Maurer: Eine korrigierende dialogische Erfahrung ist in der Beziehung zwischen Therapeut und Klient notwendig. Das heißt der Therapeut ist bereit, den Klienten anzunehmen und ihn in seiner Individualität zu bestätigen. Durch die Arbeit an sich selbst wird es dem Klienten wieder möglich werden, seinen einmaligen Platz in dieser Welt zu erkennen und einzunehmen.

Es geht also darum, durch gelebte Beziehung dem anderen zu signalisieren: Ich nehme dich an, so wie du bist und bin bereit, dich so gut ich kann zu unterstützen. Denn Ziel ist es, dass die gesammelten Beziehungserfahrungen während der Therapie zu einer autonomen Lebensgestaltung und Selbstverantwortung führen.

STANDARD: Positiv angenommen werden ist also der Schlüssel?

Maurer: Fritz Perls, der Begründer der Gestalttherapie meint dazu: "Ich und Du, das sind die Grundlagen zum wir. Nur gemeinsam können wir das Leben in dieser Welt menschlicher machen."

STANDARD: Das klingt recht einfach.

Maurer: Häufig wird Selbstverwirklichung mit einer Vorstellung von sich selbst verwechselt. Diese entspricht einem Ich-Ideal, das unecht wirkt. Dadurch wird der Zugang zum Selbst blockiert. Wenn wir uns damit abkämpfen, zu werden, wie wir gerne sein möchten oder wie andere uns gerne hätten, verlieren wir den Kontakt zu uns selbst und dem uns gemäßen Weg.

Wir fühlen uns gehemmt und blockiert und spüren, dass wir mit unserem inneren Fluss nicht in Kontakt sind. Oft erleben wir uns dann als starr, mit dem Ergebnis, dass über alles die Kontrolle wollen.

STANDARD: Wie löst die Gestalttherapie lang zurückliegende Konflikte?

Maurer: Durch "Awareness", das heißt die Bewusstheit im Hier und Jetzt. Sie ist der Schlüssel zum aufmerksamen Spüren und zur Schulung der Eigenwahrnehmung, um hinderliche Muster zu erkennen und zu bearbeiten. Denn jedes Erleben im Jetzt ist durch Erinnerung geprägt. Wir gehen davon aus, dass auch jedes neue Erleben zu Erinnerungen führt. Psychotherapie schafft neue Erinnerungen.

STANDARD: Gestalttherapie arbeitet also im Jetzt an der Vergangenheit?

Maurer: Wir achten auf momentane Unstimmigkeiten. Sie sind das Ergebnis vergangener Erlebnisse. Die Aufmerksamkeit bleibt aber im Jetzt. Körperhaltung, Gestik, Atmung sowie der Tonfall werden ebenso ernst genommen wie Inhalte sprachlicher Mitteilungen. Oft gibt es Unstimmigkeiten zwischen Worten und nonverbalem körperlichen Ausdruck. Eine unterdrückte und flache Atmung kann ein Zeichen zurückgehaltener Gefühle sein.

STANDARD: Wie können Unstimmigkeiten positiv aufgelöst werden?

Maurer: Mit Methoden wie etwa der szenische Darstellung, die Arbeit mit Träumen, mit dem "Empty Chair", auch dem Einsatz von Bild, Musik, Tanz, Skulptur, Sprache, Poesie oder Imagination. Damit können unterdrückte Gefühle oder Persönlichkeitsanteile, die dem Klienten davor diffus erschienen oder Angst machten, zum Ausdruck kommen. Dieses Experimentieren im Jetzt setzt einen aktiven Prozess in Gang, der die innere Widersprüchlichkeit auflöst. Wir nennen das organismische Selbstregulation.

STANDARD: Wohin wird sich Ihrer Meinung nach die Gestalttherapie künftig entwickeln?

Maurer: Ich sehe die Aufgabe der Zukunft innerhalb der Gestalttherapie, auch die Körperpsychotherapie zu etablieren. Der nächste Schritt wäre die direkte Körperberührung, dadurch kommt man in Kontakt mit dem zellulären Leibgedächtnis.

 


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,Awareness' ist der Schlüssel zum Spüren und zur Schulung der Eigenwahrnehmung.

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Zur Person

Anna Maurer (58) ist Psychotherapeutin, Supervisorin und Lehr- therapeutin für Gestalttherapie.

Sie ist Begründerin und Ausbilderin für Integrative Gestalt Massage und IGM-Körpertherapie und Autorin von "Auf der Suche nach dem Selbst", "Feuer und Flamme" und "Von Herz zu Herz".

 

  • Anna Maurer: "Häufig wird Selbstverwirklichung mit einer Vorstellung von sich selbst verwechselt"
    foto: anna maurer

    Anna Maurer: "Häufig wird Selbstverwirklichung mit einer Vorstellung von sich selbst verwechselt"

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