"Kinder sehen alles"

1. September 2008, 15:13
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In Großbritannien sorgt ein Bericht über das Anhaltelager Yarl's Wood für Aufsehen

„Am Anfang waren wir im Schockzustand. Wir waren es nicht gewohnt, so zu leben", erzählt eine Asylantin der BBC über ihre Erfahrungen im britischen Anhaltelager Yarl's Wood." „Und meine Kinder wussten, dass wir in einer Art Gefängnis sind. Denn Kinder sehen alles. Lügen hätte nichts gebracht", sagt die Frau weiter.

Dass ein Anhaltelager kein geeigneter Ort für Kinder ist, liegt auf der Hand. Es fehlt Bewegungsfreiheit, zu allgegenwärtig sind Zäune, Stacheldraht und Wachpersonal. Hinzu kommt die Ohnmacht der Angehörigen, allen voran der Eltern, gegenüber Polizei und Einwanderungsbehörden. Trotzdem sitzen im Vereinigten Königreich pro Jahr hunderte Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren mit ihren Familien streng bewacht hinter Gittern. Eine Praxis, die nun in einem Bericht über das Abschiebelager Yarl's Wood in England heftig kritisiert wird.

Zu lange inhaftiert

Im Durchschnitt lebt ein Kind zwischen 15 Tage und einem Monat dort. Das ist fast zwei Mal so lange als noch vor zwei Jahren, heißt es in dem Bericht über das Abschiebelager. Und von den 450 Kindern, zum Beispiel, die zwischen Mai und Oktober 2007 in Yarl's Wood lebten, wurden 83 mehr als 28 Monate darin festgehalten. Viel zu lange, lautet das Fazit des Berichts.

Alle acht Minuten wurde im vergangenen Jahr eine Person aus dem Vereinigten Königreich abgeschoben - unter diesen rund 60.000 Menschen befanden sich auch 630 Kinder. Und die meisten von ihnen mussten auch mit dem Internierungslager Yarl's Wood nahe Bedford Bekanntschaft machen. Obwohl Minderjährige unter 18 Jahren nur im äußersten Notfall in Schubhaft genommen werden sollten, wie die UN-Bestimmungen über die Rechte des Kindes nahe legen. 

Es fehlt spezialisiertes Pflegepersonal

„Wir waren bestürzt zu sehen, dass auch behinderte Kinder in Yarl's Wood inhaftiert waren, sorgt sich Anne Owers, die oberste Gefängnisinspektorin des Landes. "Während des Besuches der Kommission war sogar ein autistisches Mädchen dort". Es habe tagelang das falsche Essen bekommen, kritisiert sie weiter. Denn in Yarl's Wood gibt es weder spezialisiertes Pflegepersonal, noch Kinderärzte oder Psychologen für die inhaftierten Kinder.

Hinzu kommt, dass die Ausbildungsmöglichkeiten für Kinder im Lager nicht ausreichen, ebenso wie das Freizeitangebot nach der Schule, unterstreicht die Inspektorin weiter. Als depressiv, rebellisch und aggressiv beschreiben die Lehrer die eingesperrten Kinder in Yarl's Wood. Und die Eltern berichten von gravierenden Verhaltensänderungen ihrer Sprösslinge: Panikattacken, Ess- und Schlafstörungen sowie Bettnässen seien die Häufigsten.

"Die Jüngeren haben andauernd geweint",  beschreibt die Asylantin im BBC-Interview die Auswirkungen der Haft auf ihre Kinder. Auch wenn sie ihre Haft mittlerweile vergessen hätten, ihre älterste Tochter habe sich seither verändert. Sie leide manchmal unter Angstzuständen, erzählt die Mutter von drei Kindern weiter.   

"Haft hat ganz klar einen negativen Effekt"

"Die Haft ist ein notwendiges Mittel für ein gerechtes Asylwesen", beteuert wiederum eine Sprecherin der UK Border Agency, die sich um die Verwaltung von Yarl's Wood kümmert. Dass die Kinder ohnehin nur kurze Zeit im Lager seien, wie sie betont, macht auf die Gefängnisinspektorin hingegen kaum Eindruck: „Die Haft hat ganz klar einen negativen Effekt auf das Wohlergehen und Verhalten der Kinder." Dabei sei es egal, wie lange sie sich in dem Lager aufhalten, betont Owen. So gab zum Beispiel nur eines von neun befragten Kinder an, glücklich zu sein.

Andere wiederum betonten, sie fühlten sich krank. Und fast alle Kinder gaben an, dass sie sich gefürchtet haben, als sie in Yarl's Wood angekommen sind. Was wegen der Bedingungen ihrer Verhaftung auch nicht weiter verwundert. Manchmal werden die Kinder und ihre Verwandten mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen und in einem Gefängniswagen nach Yarl's Wood gebracht. „Ich komme mir vor wie im Gefängnis. Als ob ich jemanden getötet hätte", wird ein Kind in dem Bericht zitiert. (Christa Hager / derStandard.at, 3. September 2008)

  • Yarl's Wood in der Grafschaft Bedfordshire war kurze Zeit das  größte britische "Ausreisezentrum" für Asylbewerber Europas. Bis zu 900 Menschen konnten dort eingesperrt werden.
    Foto: REUTERS/Michael Crabtree

    Yarl's Wood in der Grafschaft Bedfordshire war kurze Zeit das größte britische "Ausreisezentrum" für Asylbewerber Europas. Bis zu 900 Menschen konnten dort eingesperrt werden.

  • Im Februar 2002 wurde Yarl's Wood nach einem Großbrand infolge eines Aufstandes der Insassen geschlossen und im September 2003 wieder geöffnet. Es haben nun bis zu 405 Menschen darin Platz.
    Foto: REUTERS/Russell Boyce

    Im Februar 2002 wurde Yarl's Wood nach einem Großbrand infolge eines Aufstandes der Insassen geschlossen und im September 2003 wieder geöffnet. Es haben nun bis zu 405 Menschen darin Platz.

  • Rund 70 Prozent aller Kinder, die gemeinsam mit ihren um Asyl ansuchenden Eltern ins Vereinigte Königreich flüchten, kommen aus Asien.
    Foto: APA/EPA / YURI KOCHETKOV

    Rund 70 Prozent aller Kinder, die gemeinsam mit ihren um Asyl ansuchenden Eltern ins Vereinigte Königreich flüchten, kommen aus Asien.

  • "Report on an announced inspection of Yarl's Wood Immigration Removal Centre",  4 - 8 February 2008 by HM Chief Inspector of Prisons

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  • Home Office Statistical Bulletin, "Control of Immigration: Statistics 2007"

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