Investoren wandern ab

24. August 2008, 19:44
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Als Folge des Südossetien-Krieges haben Investoren ihr Kapital aus Russland abgezogen. Erholung ist so bald nicht in Sicht

Der Konflikt mit Georgien um die abtrünnige Provinz Südossetien hat am russischen Kapitalmarkt tiefrote Spuren hinterlassen. Seit Jahresbeginn hat der russische Leitindex RTS 27 Prozent eingebüßt, davon allein 14 Prozent im August. In den ersten zwei Kriegstagen wurden an der russischen Börse sieben Milliarden US-Dollar vernichtet, teilte Russlands Finanzminister Alexej Kudrin mit. Der RTS hat sich in den vergangenen Tagen zwar ein bisschen erholt, die Jahresgewinne sind jedoch dahin.

Zusätzlich zum Konflikt am Südkaukasus sorgten im August auch noch die persönliche Attacke Wladimir Putins gegen den Kohlekonzern Mechel und die Zuspitzung des Eigentümerstreits beim britisch-russischen Ölkonzern TNK-BP für schlechte Stimmung bei den Investoren. Der August 2008 war der schlechteste Monat an der Börse seit 1996.

"Sehr negative Auswirkungen"

Einen Rekordeinbruch verzeichneten auch die russischen Gold- und Währungsreserven. In der Kriegswoche schrumpften sie nach Angaben der russischen Zentralbank um 16,4 Milliarden US-Dollar auf insgesamt 581,1 Milliarden US-Dollar. Während der Einbruch teilweise auch auf die Aufwertung des Dollar und damit die Abwertung der Euro- und Goldreserven der Zentralbank zurückzuführen ist, geht der Großteil der Kapitalabwanderung auf das Konto des Südossetien-Krieges. Laut Wladimir Osakowski, Ökonom bei der Investmentbank UniCredit Aton, wurden rund 13 Milliarden US-Dollar aufgrund des steigenden politischen Risikos abgezogen.

Auch der Kapitalzufluss, der im vorigen Jahr noch auf ein Rekordniveau kletterte, verlangsamt sich in diesem Jahr deutlich. Finanzminister Kudrin rechnet für 2008 mit einem Nettokapitalzustrom in Höhe von 30 bis 40 Milliarden US-Dollar (20 bis 27 Milliarden Euro). 2007 waren es noch 82 Milliarden US-Dollar.

Analysten befürchten, dass die anhaltenden Spannungen zwischen Russland und dem Westen zu einem weiteren Kapitalabfluss führen könnten. "Der Konflikt ist erst vorbei, wenn beide Seiten ein Friedensabkommen unterzeichnen. Bis dahin befinden wir uns noch immer Krieg. Die diplomatische Pattsituation hat sehr negative Auswirkungen auf den Kapitalmarkt", sagt Osakowski.

Finanzierung wird schwierig

Konsequenzen habe das vor allem für die russischen Unternehmen, die zunehmend Probleme haben, Investorengeld aus dem Ausland anzulocken. Die Stimmung der westlichen Investoren richtet sich gegen Russland, sie ziehen ihr Kapital ab, sagte der Ökonom. Der Kreditmarkt sei praktisch zum Erliegen gekommen. Nach Meinung des Moskauer Wirtschaftsprofessors Andrej Susdalzew entgehen Russland in den nächsten 15 bis 20 Monaten als Folge des Krieges in Südossetien rund 20 Milliarden US-Dollar an Investorengeldern.

Für den russischen Kapitalmarkt wird es laut Analysten nicht so einfach, sich von der Kapitalflucht der ausländischen Investoren zu erholen. Zwar würden die fundamentalen Daten und die derzeitige Unterbewertung für den Markt sprechen, allerdings sei die weltweite Stimmung auf den Aktienmärkten aufgrund der Finanzkrise nicht besonders gut. Dazu kommt nun das gestiegene politische Risiko.

Zu den indirekten Folgen des Krieges kommen nun auch die unmittelbaren Kosten: Ausgaben für die Kriegsführung, Verluste durch beschädigte Kriegstechnik, Kosten für humanitäre Hilfe, die Betreuung von Opfern und Flüchtlingen sowie die Kosten für den Aufbau der zerstörten Infrastruktur.

Zehn Milliarden Rubel für den Wiederaufbau

Nach Expertenschätzungen hat die Kriegsführung in Südossetien Russland rund 12,5 Milliarden Rubel (rund 347 Millionen Euro) gekostet. Für den Wiederaufbau in Südossetien werde Russland zehn Milliarden Rubel (rund 277 Millionen Euro) bereitstellen, sagte Kudrin. Als Soforthilfe sollen drei Milliarden (83 Millionen Euro) aus dem laufenden Budget zur Verfügung gestellt werden. Südossetien bezifferte den entstandenen Schaden mit einer Milliarde Dollar.

Trotzdem halten sich nach Expertenmeinungen die direkten Folgen für die russische Wirtschaft in Grenzen. Russlands BIP soll heuer dank der hohen Ölpreise 7,8 Prozent wachsen. Weit schlimmer dürfte es hingegen die georgische Wirtschaft treffen. Russische Experten schätzen die direkten Schäden auf 600 bis 800 Millionen US-Dollar (407 bis 540 Millionen Euro). Die georgische Zentralbank rechnet mit einer Milliarde US-Dollar. Nicht absehbar sind jedoch noch die Folgekosten des Krieges.

Georgiens Rating herabgesetzt

Die für das Transitland wichtige Verkehrs- und Transportinfrastruktur wurde durch die Kämpfe großteils zerstört. Nachdem Russland strategische Städte wie Gori oder den Hafen Poti kontrolliert, wird es für Georgien schwierig, normale Wirtschaftsaktivitäten aufzunehmen, schreiben die Analysten von Standard & Poor's. Dadurch werde der Wiederaufbau und der Transport von Gütern erschwert. Die Ratingagentur Fitch hat die Kreditwürdigkeit Georgiens bereits von BB- auf B+ herabgestuft. (Verena Diethelm aus Moskau, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25.8.2008)

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