Jazzfestival Saalfelden: Meditative Entführungskünste

24. August 2008, 19:39
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Saalfelden zeigt sich an den ersten beiden Tagen von seiner lebendigen Seite: Hochkarätige Individualisten boten markante Stilverbindungen und Ausflüge in die Jazzhistorie

Saalfelden - Dass die Salzburger Landeshauptfrau anreist, um ihren für Kultur zuständigen Stellvertreter (der auf seiner Urlaubsrückreise notlandend in Kenia hängenblieb) in Saalfelden zwecks Festivaleröffnung zu vertreten - das hat natürlich ein bisschen was mit Wahlkampffleiß zu tun. Man will es allerdings auch als Zeichen der Wertschätzung betrachten, als Symbol für die fällige Politeinsicht, dass man mit diesem Jazzfestival ein an seiner internationalen Reputation gemessen den Festspielen gleichwertiges Glanzstück im Salzburger Angebot führt.

An den entspannten Gesichtern der Saalfeldner Verantwortlichen wiederum darf man auch ablesen, dass sich ihr Festival nach der Finanzkrise, die 2005 zu einer Pause geführt hatte, nun stabilisiert hat und sicherlich im nächsten Jahr 30. Geburtstag feiern wird.

Auch am Programm will man Spuren einer wiedergewonnenen Balance entdecken. An den ersten beiden Tagen herrschte ja durchgehend hohes Niveau ohne Qualitätseinbrüche. Das war in den ersten drei Jahren der neuen Intendanz (Michaela Mayer und Mario Steidl) nicht der Fall. Als sympathische Konstante wiederum ist der alle monochrome Dogmatik verwerfende Stilmix geblieben.

Da entführt Bassist Dave Holland mit seinem direkt von CD-Aufnahmen anreisenden Sextett in die frühen 60er-Jahre, als sich Modernität auch noch innerhalb klarer Formen entfalten konnte. Heute nennt man's Mainstream. Allein, so wie Holland die Parlandi der Instrumente im Sinne der Intensität organisiert, löst sich jedwede Musealität auf. Höchst lebendig und raffiniert ist die Performance, die auch ins freitonale Spiel der Kräfte mündet. Ein solches ist auch bei Peter Herbert mitunter zugegen.

Der Bassist hat allerdings für sein Projekt "Villa Incognito" einen eher vom "Third Stream" kommenden "Rahmen" komponiert. Das ergibt eine subtile Kammermusik mit Freiräumen für Individuen. Jene Balance zwischen Komponiertem und Improvisiertem scheint jedoch ein nicht ganz gelöster heikler Punkt geblieben zu sein.

Heikel erscheint auch, sich mit einem Original anzulegen. Besonders heikel ist es aber, sich ein Werk wie "Jack Johnson" gleichsam ans Notenpult legen zu wollen. Miles Davis' offenes Platten-Improvisationskunstwerk (1971) lebte ja vom Potenzial der einzelnen bewusst ausgewählten Musiker und der zwischen diesen herrschenden produktiven Chemie.

Brave Simulation

Trompeter Wadada Leo Smith erreicht denn auch mit Kollegen nur eine brave Simulation von längst historischer Emphase. Eine gar über das Original hinausragende Magie konnte nicht generiert werden. Da gab es bei weitem sinnvollere Versuche, indirekt an die elektrifizierte Trompetenphase von Miles anzuschließen, ohne dies explizit anzustreben. Trompeter Franz Hautzinger (zusammen mit zeitblom und Steve Heather) etwa entwirft energetische Soundfelder, in die er seinen hallig camouflierten Ton auf eine epische Ideenreise schickt.

Hier entfaltet die Verzahnung von Improvisation und avancierter Popästhetik glaubwürdige Sogkraft. Beide Hautzinger-Kollegen sind auch bei "Heaven And" zugegen, wo Gitarrist Martin Sievert mit akkordorientierter Gelassenheit um Sänger Alexander Hacke und dessen gepresste Wortexpression herum Landschaften entwirft.

Sievert und Hautzinger finden sich bei "The Black Chamber" wieder. Auch hier ein Durchatmen der Töne und Klänge, ein großzügiges Meditieren über Phrasen, verdichtet zu farbintensiven Bildnissen.

Daneben Beiträge zur Vielfalt: Michael Riesslers "Big Circle" betört mit funkigem Klezmer und einem lustigen Einsatz der Drehorgel; freie Improvisation herrscht bei Buffalo Collision (u. a. mit Tim Berne und Hank Roberts ). Und Jerseyband erfreuten mit einem energisch-direkten Mix aus Hardcore-Brutalität und eingestreuter Bläsersanftheit. Zu später Stunde. (Ljubisa Tosic, DER STANDARD/Printausgabe, 25.08.2008)

  • Dave Holland in Saalfelden: Mit seinem Sextett erinnert er an die Modernität der 60er-Jahre - ohne musealen Beigeschmack.
    foto: jf saalfelden

    Dave Holland in Saalfelden: Mit seinem Sextett erinnert er an die Modernität der 60er-Jahre - ohne musealen Beigeschmack.

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