"Spekulationsanteil wird überschätzt"

24. August 2008, 19:35
22 Postings

Wie auch beim Öl wird angesichts der hohen Rohstoffpreise der Mangel an EU-weiten Strategien offenbar, sagt Robert Kremlicka im STANDARD-Interview

Das Gespräch führte Günther Strobl.

***

STANDARD: Die Rohstoffpreise sind in Höhen geschnellt, die vor nicht allzu langer Zeit unvorstellbar waren - ein Hinweis, dass die Ressourcen begrenzt sind?

Kremlicka: Das ist ein langfristiges Thema. Heute gibt es in kaum einem Bereich echte Ressourcenknappheit. Da und dort auftretende Engpässe sind auf regionale Verschiebungen in der Angebots- und Nachfragesituation sowie auf neue Spieler zurückzuführen. Im Ölbereich etwa kann man beobachten, dass staatsnahe Produktionsunternehmen versuchen, durch künstliche Verknappung sehr hohe Preise durchzusetzen; die Gewinne werden für politische Zielsetzungen verwendet, nicht für Exploration. Was wir allerdings haben, sind Zugangs- und Verteilprobleme.

STANDARD: Die Preise bleiben hoch?

Kremlicka: Wir haben im August erstmals seit langem einen Rückgang bei den globalen Rohstoffindizes und erwarten in den nächsten Monaten ein weiteres Sinken vieler Rohstoffpreise.

STANDARD: Was ist der Grund?

Kremlicka: Bis Ende der 1990er-Jahre gab es wegen der niedrigen Rohstoffpreise wenig Anreiz zu investieren. Jetzt erleben wir das Gegenteil, es fließt Geld in den Aufbau neuer Kapazitäten. Wegen des zusätzlichen Angebots werden wir wieder moderatere Preise sehen.

STANDARD: Ähnlich stark einbrechen wie sie zuvor gestiegen sind werden die Preise nicht?

Kremlicka: Sie werden nicht auf das historische Tief der 1970er- und 1980er-Jahre sinken, ein durchschnittlicher Rückgang von zehn bis 20 Prozent in den nächsten 18 Monaten ist realistisch. Die Preisentwicklung wird volatil bleiben.

STANDARD: Und die Spekulation? Welchen Anteil hat sie?

Kremlicka: Der Anteil wird insgesamt überschätzt. Man nimmt an, dass der Spekulationsanteil bei maximal 20 Prozent liegt. Unangenehm für die Unternehmen sind die kurzfristigen Schwankungen. Deshalb auch der Trend zu Langfristverträgen. Unternehmen kaufen sich Experten von Banken ein, die Hedging- und Termingeschäfte beherrschen. Nur wenige Branchen leiden unter den Rohstoffpreisen im Ausmaß der publizierten Indizes. Die Firmen kaufen geschickt ein, vermeiden die Preisspitzen und geben höhere Kosten an die Konsumenten weiter. Die enorm gestiegenen Gewinne vieler rohstoffbasierten Industrien bestätigen das.

STANDARD:  Europa ist rohstoffarm und scheint ohne Strategie zu sein?

Kremlicka: Die EU muss Zähne zeigen, will sie die Versorgungssicherheit mit Rohstoffen gewährleisten. Wir haben es heute mit einem globalen Rohstoff-Nationalismus zu tun. Staatsfonds wie die von Abu Dhabi schöpfen Geld ab, kaufen damit westliche Unternehmen auf und sichern sich den Zugang zu den Endabnehmern. Europa hat dem im Moment nichts entgegenzusetzen. Dabei wäre es notwendig, sehr schnell viel Geld in die Hand zu nehmen und in Rohstoffquellen zu investieren, etwa in Afrika. Sonst riskiert man, dass in zehn Jahren andere die Hand draufhaben. Schon jetzt ist China massiv in Afrika engagiert.

STANDARD: China hat sich in Afrika angedockt, um an Rohstoffe zu kommen. Was machen die Europäer falsch, dass sie nicht Ähnliches zustande bringen?

Kremlicka: China hat bei Investitionen nachweislich keine Berührungsängste, was die örtliche Menschenrechtssituation und ökologische Aspekte betrifft. Die Europäer haben aus gutem Grund den Anspruch, dass bei Investitionen auch europäische Werte berücksichtigt werden. Insofern kann man nicht sagen, dass Europa etwas falsch macht. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25.8.2008)

Zur Person

Robert Kremlicka (57) ist Vice President von ATKearney, Country Head und Geschäftsführer der ATKearney GesmbH, Österreich-Tochter eines der weltweit größten Top-Management-Beratungsunternehmen. Er ist führender Experte auf den Gebieten Strategie, Organisation und Business Transformation.

  • Robert Kremlicka: "Die EU muss Zähne zeigen, will sie die Versorgungssicherheit mit Rohstoffen gewährleisten."
    foto: standard/fischer

    Robert Kremlicka: "Die EU muss Zähne zeigen, will sie die Versorgungssicherheit mit Rohstoffen gewährleisten."

Share if you care.