Fußballplatz und Seelenruh

24. August 2008, 19:32
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Kontraste: Philharmonie und Venezuelan Brass

Salzburg - Dass in Salzburg die Publikumsseele kocht und sich nicht mehr einkriegt vor Begeisterung, ist - außer bei Star-Alarm - selten: Samstag in der Felsenreitschule aber riss das Venezuelan Brass Ensemble die Gemeinde mehrmals von den Sitzen. Mitgesungen wird bei den Festspielen selten: Als aber ein Trompeter sein Instrument beiseite legte, zum Mikrofon griff und fetzige Rhythmen mit fetzigen "Olé, olés" aufheizte, war's fast wie am Fußballplatz.

Blechbläser-Bearbeitungen von Bachs "Jesu bleibet meine Freude" und des Choralvorspiels "Wachet auf, ruft uns die Stimme" sowie geradezu freakwertige Brass-Bearbeitungen des "Einzugs der Gäste" und des "Pilgerchors" aus dem "Tannhäuser" wurden ob braver Interpretation und vollrohriger Klangfülle gebührend bedankt.

Aber erst mit einer klanglich brillant und rhythmisch mitreißend musizierten Nummernfolge aus Bernsteins "West Side Story" waren die Musiker in ihrem Element. Dirigent Thomas Clamor griff hie und da koordinierend ein - um sich im Übrigen von der Begeisterung ebenso mitreißen zu lassen wie das Publikum.

Vor Félix Mendozas "Guerra de Secciones" war eine Zusammenrottung der Schlagzeuger zu beobachten: Alsdann fegte eine wilde Jagd alles beiseite, was europäische Hörerfahrung unter "Concerto grosso" und "con-certare" gespeichert hat: hinreißend, diese Mischung aus Steelband- und Brass-Sound und Musizierfreude.

220 Orchester

1978 rief José Antonio Abreu die Fundación del Estado para el Sistema Nacional de las Orquestras Juveniles e Infantiles de Venezuela (Fesnojiv) ins Leben: heute ein System von Musikschulen. 220 Jugend- und Kinderorchester gibt es derzeit in Venezuela. Vorzeige-Orchester ist das "Simón Bolívar Youth Orchestra of Venezuela", das heuer Residenzorchester bei den Festspielen ist. "Nicht irgendwelche Lehrer, irgendwelche Instrumente, irgendwelche Gebäude, sondern jeweils die Besten", sagte Initiator Abreu, seien "Inhalt unseres Kampfes" gewesen.

Angesichts so viel prallen Lebens schien der Samstagvormittag im Großen Festspielhaus zu einer artifiziellen Erinnerung zu verblassen. Dabei war das Konzert der Wiener Philharmoniker unter Mariss Jansons eines der klangsinnlichsten dieser Spiele. Gewidmet dem Sommer, wurde die Matinee mit einer feinen, im Piano akribisch ausgeloteten Wiedergabe von Weberns Idylle für großes Orchester "Im Sommerwind" eröffnet und mit einer temperamentvollen "Zweiten Brahms" beschlossen.

Höhepunkt waren "Les Nuits d'éte" op. 7 von Hector Berlioz: Traumsicher, klar, dabei in jeder Lage voll und weich im Timbre sang Elina Garanca die sechs großen Lieder von der Schönheit und der Schwermut der Liebe und der Rosen in der Sommernacht. Auf die Sessel klettern und jubeln wäre die angemessene Reaktion gewesen - westliche Erziehung kanalisierte das in stille Verzückung. (Heidemarie Klabacher, DER STANDARD/Printausgabe, 25.08.2008)

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