Poetische Früchte, weichgekocht

24. August 2008, 19:30
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Wachstumsgrenzen: Gert Jonkes "Platzen plötzlich" im Wiener Semper-Depot - Die exotische Frucht eines doch wenig bekömmlichen Abends

Wien - In den Texten des Kärntner Autors Gert Jonke herrschen die Verhältnisse einer glücklich vollendeten Demokratie. Die Erzeugnisse der Natur besitzen in dem Stück "Platzen plötzlich" Sitz und Stimme. Quittenbäume, Sumpflilien, Fuchsien und Akelei betören die mit ihrer Erzeugung und Hege befassten Menschen durch akustische Hervorbringungen. "Weil", wie Jonke dichtet, "sie selber musizierten, alle Pflanzen von sich aus Klänge aus den Trichtern und Kelchen ihrer Blüten entließen oder heraus blasen ließen ..."

Den idealen Regisseur des idealen Gert-Jonke-Theaters könnte man sich daher als grundgütigen Gott vorstellen: als einen, der Jonkes Sätze mit leichter Hand zu sich emporzöge und darüber nicht verkennte, dass es sich bei diesem vermeintlich schrullig-liebenswürdigen Autor um einen wahren Anarchisten handelt.

Im Wiener Semper-Depot, wo Martin Grubers Aktionstheater Ensemble "Platzen plötzlich" als dröge Bewegungstherapiestunde absolviert, fallen die windungsreichen Jonke-Sätze in ein klaffendes Sinn- und Schallloch. Zwischen weißen Umspannmasten (Bühne: Valerie Lutz), an deren Galgen Lampenschirme hängen, gewinnt man bloß ermüdende Einblicke in eine Tageswerkstätte voller Grimassen schneidender Exzentriker.

Man stopft Blumenerde in industriell gefertigte Töpfchen; man webt und spinnt den erheiternden Tagtraum weiter, dass die Pflanzen aus freien Stücken in die Stratosphäre hinauswüchsen - wenn man sie nur ließe.

Die Dynamik eines Jonke-Textes erwächst aus der streng satz- und wortlogischen Wucherung vermeintlich einfacher Sinnzusammenhänge. "Platzen plötzlich" ist kein Stück, sondern ein semantischer Exzess, der die Wachstumsfantasien einer regellosen Kapitalverwertung ad absurdum führt.

Regisseur Gruber vertraut dem Dichter freilich nicht: Er verdonnert die Insassen einer dubiosen Gartenanstalt bloß zur Ausstellung verhaltensneurotischer Ticks: Eine "Frau Groll" (Babett Arens) brütet über makellosen Erdhäufchen ein paar harmlose Straußeneier aus. Ein verhuschter "Lebensmittelversicherungsvertreter" (Werner Landsgesell) rückt dem körpereigenen Haarwuchs mit diversen Schneide- maschinen umständlich zu Leibe.

Und weil es keine Handlung gibt, die sich kleintheatralisch gewinnbringend verwerten ließe, verwurstet eine Laptop-Diseuse (Tini Trampler) ein paar Schlagwörter zu enervierendem Gesang. Statur gewinnt diese doch arg schlichte Uraufführung dann, wenn der Dichter die Bühne betritt.

Jonke kontrolliert in Gummistiefeln die Bepflanzungsaktivitäten der Schauspieler, ehe er zu einem Monolog ansetzt, der ihn als den wahren König Prospero ausweist - als einen Botaniker des Zusammenlebens, der über seine ins Kraut schießenden Sätze unbeirrt gebietet: Sentenzen formend, als entwüchsen sie spontan seinem Mund. Sein Auftritt blieb die exotische Frucht eines doch wenig bekömmlichen Abends. (Ronald Pohl, DER STANDARD/Printausgabe, 25.08.2008)

  • Babett Arens als "Frau Groll" beim Brüten in Gert Jonkes "Platzen pötzlich".
    foto: aktionstheater

    Babett Arens als "Frau Groll" beim Brüten in Gert Jonkes "Platzen pötzlich".

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