Einwanderer fordern statt fördern

24. August 2008, 19:07
33 Postings

Schweden ist für liberale Einwanderungsregeln bekannt - Aber es erlebt eine integrationspolitische Krise

Von seinem ersten Besuch bei einer schwedischen Familie ist Kenadid Mohamed vor allem ein knurrender Magen in Erinnerung geblieben. Auf die Frage, ob er etwas essen wolle, wehrte er damals erschrocken ab: Daheim in Somalia, wo man dem Gast alle verfügbaren Leckereien unaufgefordert darbietet, wäre ein solch ausdrückliches Verlangen rüde erschienen.

Heute, als Journalist beim Auslands- und Einwandererprogramm des Schwedischen Rundfunks, versucht der 45-Jährige, der 1983 als Flüchtling nach Schweden kam, seinen somalischen Landsleuten beim Entziffern der Codes für das soziale Miteinander zu helfen und so den Start in der Fremde zu erleichtern.

Ghettos am Stadtrand

Diese Hilfe tut not. Das Gros der rund 20.000 Somalier in Schweden lebt in Ausländerghettos am Rand der Städte. Ein geringer Bildungsstand erschwert vielfach, neben kulturellen und religiösen Kollisionen, die Integration. Nur 30 Prozent der Männer und zehn Prozent der Frauen arbeiten ganztags.

Diese bedrückenden Ziffern spiegeln das Dilemma schwedischer Integrationspolitik wider: Zwar gibt es großzügige Einwanderungsregeln und die Möglichkeit, nach fünf Jahren ohne Nachweis von Sprach- und Landeskenntnissen die Staatsbürgerschaft zu erwerben. Auch kostenloser Sprachunterricht und die Erlaubnis, mit einem Jahresvisum in fast allen Arbeitsbereichen tätig zu sein - sowie Anti-Diskriminierungs-Gesetze - existieren. Doch damit hat man nicht erreicht, was Integrationsministerin Nyamko Sabuni, selbst eine Einwanderin aus dem Kongo, "wirkliche Teilhabe an der Gesellschaft" nennt.

Die Arbeitslosenquote bei Migranten ist doppelt so hoch wie bei ethnischen Schweden. Nur 40 Prozent der Akademiker unter ihnen haben einen Job, im Vergleich zu 90 Prozent bei schwedischen Akademikern. Während Schweden im Ausland als Musterbeispiel für Integration gepriesen wird, herrscht im Land selbst Einigkeit darüber, dass die Integrationspolitik in weiten Teilen gescheitert ist.

Populisten im Aufwind

Als Grund gilt nicht allein Fremden- und Islamfeindlichkeit. Diese ist in Schweden zwar offiziell verpönt, doch die rechtspopulistischen Schwedendemokraten stoßen inzwischen bei fünf Prozent der Wähler auf Sympathie. Unerlässlich für einen Kurswechsel sei neben dem Fördern von Migranten auch das Fordern, meint das 2006 angetretene bürgerliche Kabinett unter Fredrik Reinfeldt.

So wird die Teilhabe von Migranten am Arbeitsmarkt bislang nicht nur von einem Arbeitsrecht erschwert, das Neueinsteiger insgesamt benachteiligt, sondern vielfach auch durch mangelnde Sprachkenntnisse der Einwanderer. Die oft als "Beschäftigungstherapie" kritisierten Sprachkurse schließt nur jeder Dritte erfolgreich ab. Die Regierung will nun Kontrollmechanismen schaffen und erwägt, den Erwerb der Staatsbürgerschaft an grundlegende Schwedischkenntnisse zu koppeln.

Afrikaner, betont Kenadid Mohamed, würden in Schweden häufig diskriminiert. Dennoch: "Ob ein Verhältnis funktioniert oder nicht, hängt immer von beiden Seiten ab." (Anne Rentzsch, Der Standard Print-Ausgabe, 25.08.2008)

 

  • Hilfe beim Entziffern sozialer Codes: Kenadid Mohamed gestaltet in Stockholm Radiosendungen für Einwanderer aus Somalia.
    rentzsch

    Hilfe beim Entziffern sozialer Codes: Kenadid Mohamed gestaltet in Stockholm Radiosendungen für Einwanderer aus Somalia.

Share if you care.