"Die Politik wird mit Hetze nicht mehr ankommen"

24. August 2008, 19:00
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Anders als die Politik bringt das walk.tanztheater Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen zusammen - Brigitte Walk versteht ihr Theaterprojekt als "Insel der Begegnung" - STANDARD-Interview

STANDARD: Das walk.tanztheater ist bunt, multikulturell. Ein Integrationsprojekt?

Walk: Wir machen weder Flüchtlingsarbeit noch Integrationsarbeit. Wir machen Kunst, da sind auch Flüchtlinge dabei. Menschen, die keinen rechtlichen Status haben, die eigentlich gar nicht da sind. Theater, wie wir es machen, schafft ein Inseldasein, wo man sich außerhalb der alltäglichen Lebenszusammenhänge begegnen kann. Auf diesen Inseln kann viel passieren, weil die normalen Gesetzmäßigkeiten außer Kraft sind.

STANDARD: Was passiert?

Walk: Freundschaften, Beziehungen, Einblicke. Eines der schönsten Beispiele: Bei uns macht seit Jahren ein älterer Herr mit, der kommt über die Theaterarbeit mit minderjährigen unbegleiteten Flüchtlingen zusammen. Also mit Menschen, denen er sonst nie begegnen würde. Sie finden miteinander Umgangsformen, überwinden Vorurteile. Menschen werden ermächtigt, bekommen Kompetenz. Es entstehen Beziehungen, Freundschaften, die über die Theaterarbeit hinausgehen.

STANDARD: Sie sehen das Theater als Lernort für interkulturelle Kompetenz?

Walk: Man bekommt Wissen und Information, die man sonst nie bekommen würde, kulturelles Basiswissen. Da erfahre ich zum Beispiel von türkischen Frauen, wie sie das Leben, den Alltag mit Sprichwörtern erklären. Mich interessieren die ersten kulturellen Äußerungen, wie Schlaflieder, Kinderlieder, Sprüche, Grußworte. Dieses Wissen bereichert unendlich.

STANDARD: Ist die Vielsprachigkeit Barriere oder Vorteil?

Walk: Die Flüchtlinge bringen uns unterschiedliche Sprachen. In bestimmten Szenen sprechen sie diese Sprachen. Wir setzen diese Unterschiedlichkeit gerne ein.

STANDARD: Die politische Forderung heißt: Die sollen Deutsch lernen.

Walk: Man soll sich als Heimischer nicht dümmer stellen, als man ist. Wenn man auf kompetente Menschen hören würde, wüsste man, dass der Primärspracherwerb über die Muttersprache läuft. Es ist Schwachsinn zu sagen, zuerst muss die Zweitsprache gelernt werden.

STANDARD: Dann ist die Forderung nach Deutschkursen ein Unsinn?

Walk: Man lernt Sprache nicht nur in Kursen. Wenn man Menschen annimmt, öffnen sie sich, sprechen mit einem. Wenn man ihnen Foren, Möglichkeiten gibt, reden sie miteinander. Wenn man durch Spracherwerb beruflich vorankommt, lernen Menschen gerne. Gewisse Begleitumstände würden den Spracherwerb erleichtern. Etwa die Arbeitserlaubnis für Flüchtlinge. Als denkende Gesellschaft kann man doch nicht wollen, dass qualifizierte Menschen herumsitzen müssen. Den Spracherwerb fördern würde auch ein Bildungssystem, das nicht aussortiert, sondern integriert.

STANDARD: Integriert die Vorarlberger Politik?

Walk: Eine bis zwei Generationen hat man verschlafen. Man hat das Thema Integration nicht gesehen. So konnten sich Ressentiments verwurzeln. Man hat negiert, verabsäumt, nicht sehen wollen. Schade.

STANDARD: Dann wird der Ausländerwahlkampf fruchten?

Walk: Viele Menschen sind im praktischen Zusammenleben schon viel weiter als die Politik. Die wird mit ihrer Hetze nicht mehr ankommen. Das Ausländerthema erschöpft sich. (Jutta Berger, DER STANDARD, Printausgabe, 25.8.2008)

  • ZUR PERSON: 
Brigitte Walk (48) ist Schauspielerin,
Theatermacherin (walk.tanz theater.com) und Theaterpädagogin. Sie lebt
in Feldkirch.
    foto: standard/berger

    ZUR PERSON:

    Brigitte Walk (48) ist Schauspielerin, Theatermacherin (walk.tanz theater.com) und Theaterpädagogin. Sie lebt in Feldkirch.

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