Reportage: Flowerpower mit Businessplan

24. August 2008, 18:46
posten

In Kalifornien setzen sich geschäftstüchtige Neo-Hippies für Barack Obama ein

Topanga, gelegen im Norden von Los Angeles, gehört seit jeher zu den bekanntesten Hippie-Kommunen. Jim Morisson und Joni Mitchell ließen sich hier nieder. Die 68er-Ikone Uschi Obermaier wohnt immer noch in der Gegend und mit ihr: eine ganz neue Generation von Aussteigern.

Denis King sitzt mit seiner Meditationsschale unter einem Eukalyptusbaum. Der Ingenieur verbrachte früher keinen Tag ohne Nassrasur. Doch dann begann er seine sinnentleerten Wohlstandsideale in Frage zu stellen. Jetzt trägt er einen langen, weißen Vollbart, dazu Jesuslatschen. "Die Hippies von heute sind keine reine Jugendbewegung mehr", lacht er.

Damals wie heute staut sich die Sinnsuche der Blumenkinder in Kalifornien. Aber was hat es zu bedeuten, dass sie gerade jetzt wieder verstärkt auftauchen in Topanga?

An diesem Abend haben sich alle Bewohner zu einem Gesangszirkel in der Turnhalle eingefunden. An der Wand hängt ein Plakat mit der Aufschrift "Obama for Change". Michael Adler ist der Organisator des Treffens und Chef der lokalen Friedensbewegung. Er fühlt sich an die Vietnam-Ära erinnert, als die Hippies das Protestmotto "make love, not war" prägten: "Aber wir sind keine reine Gegenkultur mehr, wir suchen jetzt bewusst Zugang zum politischen Establishment, denn dort ist der Einfluss, den wir brauchen." Obama ist ihr Mann dafür.

Krieg war immer ein Antrieb für "love and peace"; die Klimakatastrophe ist heute ein zweiter. Etwas tiefer in Topanga rollen die Blechlawinen von L. A. durch den Canyon. Trevor Martin steht vor seinem Laden, etwas abseits des großen Boulevards. Der 32-Jährige arbeitet für das Mode-Lable "Livity", das nur mit nachhaltig erzeugten Textilien auskommt. Zuletzt hat er einen Exklusivvertrag mit Levi's Jeans an Land gezogen: "Ich hatte eine Managerin von denen bei einem Hippiefestival kennengelernt, unser Konzept gefiel ihr."

"All you need is love" - das war einmal. Die Hippies von heute sind Geschäftsleute. Auch unter ernst zu nehmenden Künstlern gibt es keinen Retrokult. Die Topanga Art Gallery etwa überzeugt zugleich durch gebündelte Flowerpower und gebündelten Geschäftssinn. Alle Mitglieder des Kollektivs sind Teil der örtlichen Handelskammer. "Ja, auch das gibt es hier, wenngleich nicht im herkömmlichen Sinn", sprudelt es aus der Malerin Robyn Feeley hervor, "in unserer Kammer findest du fast nur Künstler, Musiker, Heiler, Massagetherapeuten."

Die Boheme der neuen Alternativen lebt etwas weiter östlich in Silverlake. Hier zeigt sich: Es war noch nie so schick, ein Hippie zu sein. Die Männer tragen Designerklamotten, die Frauen Rüschenblusen und Tweed-Stolas. Lily ist die Nichte von Harry Chapin, der in den 70ern mit "Cat's in the Cradle" die Hitparaden stürmte. Ihre eigene Band "The Chapin Sisters" gehört zu den vielversprechendsten des Neo-Folk-Rocks. Dennoch runzelt die Musikerin ihre Stirn, wenn man sie Hippie nennt. "Es genügt nicht, einfach nur zu singen, dass du jeden liebst, wir haben eine andere Botschaft." Inhaltlich dominieren in den Liedern der Chapin Sisters Existenzängste, die immer schon die andere, dunkle Seite der Hippie-Kultur waren. Es ist eine Botschaft, die im kreditkrisengebeutelten Amerika, in dem Obama den Zusammenhalt predigt, wieder auf fruchtbaren Boden fällt. (Beatrice Uerlings aus Los Angeles/DER STANDARD, Printausgabe, 25.8.2008)

 

Share if you care.