Interview: "Auf Fertiggerichte verzichten"

24. August 2008, 18:53
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Essen kann krank machen: Menschen mit Reizdarmsyndrom müssen besonders auf ihre Ernährung achten. Ernährungsmediziner Matthai über heilsame und schädliche Nahrung

STANDARD: Ist das Reizdarmsyndrom Folge falscher Ernährung?

Matthai: Ernährung ist ein ganz entscheidender Faktor, vielleicht nicht der ursächliche, aber ein wesentlicher, der Beschwerden auslösen kann. Wenn man sich über Jahre ungesund ernährt, leidet der Darm. Falsche Ernährung kann den Magen-Darm-Trakt verändern, ihn empfänglich machen für Entzündungen oder andere Erkrankungen.

STANDARD: Was verstehen Sie unter "falscher" Ernährung?

Matthai: Jede extreme Form der Ernährung erhöht das Risiko ein Reizdarmsyndrom zu verschlimmern oder auszulösen. Unter "extrem" verstehe ich zu fett, zu salzig, zu scharf.

STANDARD: Welche Nahrungsmittel soll man unbedingt meiden?

Matthai: Grundsätzlich meiden sollte man besonders fettes Essen und blähende Lebensmittel. Alkohol verschlechtert das Zustandsbild, Nüsse haben ein hohes Allergiepotenzial und können Allergien auslösen. Kohlgemüse blähen bei den meisten Menschen. Auf Fructose und Laktose muss man verzichten, wenn man an Intoleranzen, an Enzymmangel leidet. Auch kaltes Wasser kann Beschwerden verursachen. Ich werde bei Vorträgen immer wieder gefragt: "Was darf man denn essen?" Das ist nicht so einfach zu beantworten, denn das Schöne an der Medizin ist ja, dass wir es mit einzelnen Individuen zu tun haben. Jeder Mensch, jeder Körper, jeder Darm reagiert anders.

STANDARD: Gibt es bei Reizdarmsyndrom spezielle Diäten?

Matthai: Ein Schema F für Reizdarmsyndrom gibt es nicht, aber eine einfache Regel: Lebensmittel, die man nicht verträgt, soll man weglassen. Eventuelle Diätempfehlungen müssen sich ganz nach den individuellen Symptomen richten.

STANDARD: Einem Reizdarmpatienten des "Durchfalltyps" ballaststoffreiche Ernährung zu empfehlen macht also keinen Sinn.

Matthai: Genau. Man kann nicht jedem zu Rohkost raten. Mit solchen Empfehlungen muss man sehr vorsichtig sein.

STANDARD: Gibt es einfache Mittel festzustellen, was einem nicht guttut?

Matthai: Ja, das sind Ernährungsprotokolle, ein Ernährungstagebuch. Man schreibt akribisch genau auf, was man isst, welche Beschwerden man bekommt, wie man sich fühlt. Dadurch findet man sehr schnell heraus, welche Nahrungsmittel man weglassen soll.

STANDARD: Soll man sich auf Nahrungsmittelintoleranz oder Nahrungsmittelallergien austesten lassen?

Matthai: Ich rate davon ab, sich in alle Richtungen austesten zu lassen. Die Tests, die angeboten werden, bergen das Risiko, dass eine Riesenanzahl von Lebensmitteln herauskommt, die man nicht verträgt. Das schränkt die Lebensqualität dann noch mehr ein, belastet zusätzlich und macht die Leute ganz "verrückt".

STANDARD: Es sind ja oft nicht Lebensmittel, sondern Zusatzstoffe, die zu Problemen führen.

Matthai: Deshalb sollten Geschmacksverstärker wie Glutamat oder Süßstoffe möglichst vermieden werden. Am besten, man verzichtet auf Fertiggerichte, denn sie enthalten Konservierungsmittel und Geschmacksverstärker, welche das Immunsystem belasten.

STANDARD: Was stärkt das Immunsystem?

Matthai: Essen, was einem schmeckt und in vollen Zügen genießen! Aber ausgewogen soll die Ernährung sein, vitamin- und vitalstoffreich. Die Vitalstoffe bleiben aber nur bei schonender Zubereitung erhalten. Wenn man Fette konsumiert, dann sollen es unbedingt die für die Gesundheit so wertvollen Omega-3-Fettsäuren sein. Auch die Reduktion der Essensmengen ist empfehlenswert, denn Fasten lindert.

 

 

 

  • Zur Person
Christian Matthai (32) ist Ernährungsmediziner am Institut Women & Health in Wien, Lifestyle-Coach und Autor.
    foto: medstandard/matthai

    Zur Person

    Christian Matthai (32) ist Ernährungsmediziner am Institut Women & Health in Wien, Lifestyle-Coach und Autor.

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