Porträt: Joe Biden, Obamas Nummer Zwei

5. November 2008, 08:10
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Der Senator aus Delaware ist für außenpolitische Erfahrung und loses Mundwerk bekannt

Washington - Joe Biden dürfte nach dem Regierungswechsel für die heiteren Momente in Washington sorgen. Zu den hervorstechenden Eigenschaften des 65 Jahre alten Senators, der nach Barack Obamas Wahlsieg nächster Vizepräsident der USA werden wird, zählen Schlagfertigkeit und Witz. Biden bringt darüber hinaus vieles ins Amt mit, was dem künftigen Präsidenten noch fehlt: außenpolitische Erfahrung, intime Kenntnisse als Strippenzieher im Washingtoner Senat, den Stallgeruch seiner Herkunft aus der Arbeiterschicht. Bidens Aufstieg zur Nummer zwei der USA ist die Krönung eines Lebens, das durch politisches Auf und Ab und durch private Schicksalsschläge geprägt ist.

Rein rechnerisch könnte Joe Biden der Vater des neuen Präsidenten Obama sein. In der künftigen Regierung wird er aber nur die Juniorrolle spielen, die Verfassung räumt dem Vizepräsidenten wenig Macht ein. Seine Hauptaufgabe besteht darin, das Präsidentenamt zu übernehmen, falls dem Amtsinhaber etwas zustößt. Legendär ist das Diktum von Franklin Roosevelds Stellvertreter John Nance Garner, der sich einmal frustriert beklagte, das Vizeamt sei "nicht mehr wert als ein Eimer warme Spucke". Obama hat aber bereits klar gemacht, dass er Biden am Regierungsgeschäft beteiligen will - vor allem in der Außenpolitik, in der er von seinem Vize Rat und notfalls auch Widerspruch erwartet.

Dafür ist Biden gut gerüstet. Bereits 1972 wurde er mit nur 29 Jahren als Vertreter des Ostküstenstaats Delaware in den Senat gewählt, wo er inzwischen respektierter Vorsitzender des Außenausschusses ist. Dem konfrontativen Stil von George W. Bush konnte der Außenexperte wenig abgewinnen. "Biden versteht die Bedeutung von Amerikas Führungsrolle, kennt aber auch ihre Grenzen", urteilt der Experte William Antholis vom Washingtoner Brookings-Institut. "Biden ist sich besonders im Klaren darüber, dass die USA und ihre Verbündeten eng zusammenarbeiten müssen." Antholis erwartet Bidens Handschrift vor allem in jenen Bereichen, "wo die USA und ihre Verbündeten nicht immer gleicher Meinung sind" - also etwa in der Politik gegenüber Russland, Irak und Iran.

Aufsteiger-Biografie

Bidens Lebensgeschichte ist eine jener Aufsteiger-Biografien, wie sie die USA lieben. Seine Jugend war geprägt von ständiger Finanznot der Eltern und von der Scham über sein Stotter-Leiden, das er sich mit viel Disziplin abgewöhnte. Vor 36 Jahren wurde er zum jüngsten Senator gewählt, dem Wahltriumph folgte die Tragödie: Wenige Wochen später starben seine Frau und seine kleine Tochter bei einem Autounfall, die zwei Söhne wurden schwer verletzt. Den Kindern zuliebe blieb er im Staat Delaware wohnen und pendelte jeden Morgen zwei Stunden mit dem Zug in die Hauptstadt. Inzwischen ist Biden in zweiter Ehe verheiratet.

Bei all seinen Qualifikationen war Bidens Nominierung als Vizekandidat für Obama nicht ganz ohne Risiko. Bidens loses Mundwerk bringt ihn immer wieder in die Bredouille, ganz Washington wird auf den ersten verbalen Ausrutscher des neuen Vizepräsidenten warten. Über seinen künftigen Chef hatte er etwa vor einem Jahr noch gesagt: "Wir haben den ersten Mainstream-Afroamerikaner, der redegewandt, gescheit, sauber und gut aussehend ist." Das roch nach weißer Überheblichkeit, unter schwarzen US-Bürgern brach ein Sturm der Entrüstung los. Obama verzieh ihm aber umgehend.

Bidens Ambitionen reichten eigentlich über das Vizeamt hinaus. Zwei Mal hatte er sich um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten beworben, dabei aber keine gute Figur gemacht. Seine Bewerbung 1988 endete in einem Plagiatsskandal, weil Biden einige Passagen einer Rede wortgleich von einem britischen Politiker abgekupfert hatte. Beim zweiten Anlauf 2008 gab bereits im Jänner auf, nachdem er in der Vorwahl von Iowa im Ein-Prozent-Bereich gelandet war. Seine Karriere wird Biden wohl als Nummer zwei beenden, eine weitere Kandidatur fürs Weiße Haus gilt angesichts seines Alters als unwahrscheinlich. (Peter Wütherich/AFP)

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