Viel zu empfindlich

24. August 2008, 18:44
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Das Reizdarmsyndrom ist eine quälende Erkrankung, die Abklärung bedarf - Verzicht auf Belastendes , heilende Pflanzen und die Bauch-Hypnotherapien können helfen

Bauchkrämpfe, Blähungen, Verstopfung und Durchfall - "Sie haben nichts", diese Diagnose kann beruhigen oder genau das Gegenteil bewirken. "Wenn Menschen immer wieder Bauchschmerzen haben, Krämpfe, Durchfall und vom Arzt hören, dass sie 'nichts' haben, wirkt das alles andere als beruhigend", sagt Gabriele Moser, Leiterin der Gastroenterologischen Psychosomatik-Ambulanz am AKH Wien.

Diagnose ist für Leidende wichtig

Obwohl Funktionelle gastrointestinale Störungen (FGIS) wie das Reizdarmsyndrom (IBS) zu den häufigsten Erkrankungen zählen, wird oft keine Diagnose gestellt. Zum Nachteil der Betroffenen, wie die Internistin und Psychotherapeutin meint, denn: "Eine Diagnose ist für die oft seit Jahren leidenden Menschen das Allerwichtigste. Ihre Krankheit bekommt einen Namen, sie wissen, was sie haben, die Ungewissheit hat ein Ende."

Psychische und soziale Aspekte in Betracht ziehen

Reizdarmsyndrom ist alles andere als eine "eingebildete" Krankheit. "Wenn ich als Arzt nichts sehe, heißt das noch lange nicht, dass der Patient nichts hat", sagt der Vorarlberger Internist und Sonografie-Spezialist Gebhard Mathis. Für Patienten, bei denen sonografische und endoskopische Untersuchungen ohne Befund blieben, müsse sich der Arzt viel Zeit für die Anamnese nehmen, neben den biologischen auch die psychischen und sozialen Aspekte in Betracht ziehen, sagt Mathis.

Laktose und Fruktose belasten

Gabriele Moser beschreibt die typischen Symptommuster: "An mindestens drei Tagen im Monat starke Bauchschmerzen, Krämpfe, massive Blähungen und unregelmäßiger Stuhlgang. Verstopfung oder Durchfall oder beides, Erleichterung durch Stuhlgang."

Milch, Weizen und Eier

Bis zu 65 Prozent der Reizdarmpatienten sehen einen Zusammenhang zwischen Nahrung und Beschwerden, verweist Mathis auf eine neue Studie der Medizinischen Universität Frankfurt. Am häufigsten klagen die Befragten über Beschwerden nach dem Konsum von Milch, dann folgen Weizen, Eier, Gemüse, Soja, Zitrusfrüchte, Fisch, Kaffee, Schokolade und Nüsse. 62 Prozent dieser Patienten verzichten auf ein oder mehrere Lebensmittel, zwölf Prozent schränken sich so stark ein, dass Mangelernährung droht.

Nahrungsmittelunverträglichkeit

Der Zusammenhang ist nicht nur "gefühlt". Laut einer Untersuchung an 239 Menschen mit FGIS liegt die Häufigkeit von Nahrungsmittelunverträglichkeit bei 50 bis 70 Prozent, bei der Normalbevölkerung bei 20 bis 25 Prozent. 78 Prozent haben eine Laktoseintoleranz, 44 Prozent vertragen Fruktose nicht, und 73 Prozent können Fruktose in Kombination mit Sorbitol (Lebensmittelzusatzstoff, zu finden in Kaugummi oder Zahnpasta) nicht richtig aufnehmen.

Traumatisierung oder Stressphase

Die Nahrungsmittelunverträglichkeit ist aber nur eine der möglichen Ursachen, die den Darm reizen. Eine starke Infektionskrankheit, beispielsweise eine Salmonelleninfektion, kann ein Reizdarmsyndrom auslösen, aber auch starker psychosozialer Stress. Gabriele Moser: "Nach langen Stressphasen oder Traumatisierung psychischer, physischer oder sexueller Natur kann es zu diesem Beschwerdebild kommen."

Häufig käme es auch zu "Überlappungen", sagt Moser, "da kann eine Patientin ihre Nahrungsmittelunverträglichkeit durch Diät gut im Griff haben, dann kommt großer Stress dazu, und schon sind die Symptome wieder da".

Heilende Bauchhypnose

Therapiert wird das Reizdarmsyndrom mit Medikamenten, die auf Einzelsymptome wie Durchfall oder Verstopfung wirken, und Antidepressiva. Jüngste Studien weisen die Wirksamkeit von Pfefferminzöl und Kümmelöl nach. Linderung verschafft auch eine Mischung aus Anis-, Fenchel- und Kümmeltee.

Bester Langzeiterfolg: Psychotherapie

In Langzeitstudien zeigt die Psychotherapie die besten Erfolge. Besonders bewährt sich die Hypnotherapie. In Manchester wurde eine spezielle, auf den Bauch gerichtete (gut directed) Hypnose entwickelt. Gabriele Moser beschreibt die Suggestionsmethode: "Man lernt, den Körper zu entspannen, Bilder werden eingebaut, mit denen man den Darm beruhigt. Man stellt sich den Darm vor als ganz ruhig arbeitendes Organ mit wellenförmigen sanften Bewegungen."

Hypnotherapie - Hirn-Bauch-Achse

Die Entspannung wird durch Auflegen der Hände des Patienten auf die schmerzende Stelle verstärkt. Durch die Hypnotherapie, die direkt auf die Hirn-Bauch-Achse wirkt, verändert sich die Schmerzschwelle und schließlich die Magen-Darm-Tätigkeit. In Einzelbehandlungen bewährt sich die Bauchhypnose.

(Jutta Berger, MEDSTANDARD, Printausgabe 25.08.2008)

 

Studienteilnehmer gesucht

Mit einer weltweit ersten randomisierten, kontrollierten Studie will Moser nachweisen, dass Bauchhypnose auch in Gruppen lernbar ist. Dazu werden Menschen mit abgeklärtem IBS gesucht (Telefon: 01/40400 4750).

  • Bakterien der Darmflora: Ungleichgewicht verursacht Verdauungsprobleme.
    foto: science photo library/picturedesk

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