Wandel und schlichte Worte

24. August 2008, 18:25
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Der leutselige Joe Biden kann Barack Obama helfen, wenn dessen Botschaft weiter hält

Die Tage der einfachen Botschaften sind angebrochen, die Wahlkämpfer in den Vereinigten Staaten streifen die Samthandschuhe endgültig ab. Der Parteitag der Demokraten in Denver gibt den Auftakt für eine Auseinandersetzung, gegen die selbst die Primaries in diesem Jahr wie eine Art Erholungsveranstaltung wirken werden. Die Formel der Spin-Doktoren lautet: „Kiss" - keep it short and simple. Oder, wie manche auch sagen, keep it short and stupid.

Der abwägende, in Harvard auf den Zweifel trainierte Barack Obama hat sich in dieser Disziplin bisher eher schwer getan. Der brillante Redner hat vielmehr Probleme erörtert als schlichte Lösungen vorgeschlagen - das macht ihn für viele Europäer so anziehend, und das ist gleichzeitig seine größte Schwäche in den USA. Die große Zustimmung bei den Jungen und Gebildeten reicht nicht aus für ein Ticket ins Weiße Haus. Nun, im Endspurt des Wahlkampfs, muss er seine Visionen mit handfesten Ansagen unterfüttern, die ihn nahe an den größtmöglichen Teil des Wahlvolks rücken lassen.

Dafür schicken Obamas Strategen bei der Convention einen Trucker aus Michigan, eine Mutter aus Iowa und einen Eisenbahner aus Indiana auf die Bühne. Und dafür ist nicht zuletzt auch Joe Biden, der Vizepräsidentschaftskandidat, engagiert. Der leutselige Senator soll seinem abgehoben wirkenden Parteifreund, der mitunter Biersorten verwechselt und so etwas Exotisches wie Rucola isst, die Glaubwürdigkeit der Straße verleihen. Er könne Obamas rührselige persönliche Geschichte noch versierter an den einfachen Mann bringen als sein „running mate" selber, sagen viele.

Biden wird dem Strahlemann auch viel Drecksarbeit abnehmen müssen. Die Journalisten nennen ihn einen freundlichen „attack dog", einen Wadlbeisser, der John McCain die Hosen zerreissen kann ohne dabei allzu böse zu wirken. So hat er den Republikaner schon bei seinem ersten Auftritt mit Obama gekonnt in das ideologische Fahrwasser des so unbeliebten George W. Bush gelenkt. Wenn die Gegenseite ihre Schmutzkübel füllt und Obama selbst sich seine Hände nicht dreckig machen will, wird der hemdsärmelige Biden zurückschlagen.

Mindestens so viel wie der Infight mit den Republikanern aber zählt der innere Wahlkampf der Demokraten. Die Frage ist: Sind die Wunden aus den Primaries schon verheilt? Das gilt mehr für die Unterstützer Hillary Clintons als für die Senatorin selber. Dennoch könnten sie und Bill Clinton, die Führungsfiguren des alten demokratischen Establishments, es dem Jungstar und seinen euphorischen Unterstützern schwer machen.

Ein mit halber Kraft geführter Wahlkampf an der Seite Obamas genügte dafür: Nach den jüngsten Umfragen wollen nur 51 Prozent der Unterstützer Hillary Clintons in den Primaries den schwarzen Senator bei der Präsidentschaftswahl wählen, 21 Prozent sind für McCain und 27 Prozent haben sich noch nicht festgelegt. Auch hier soll Biden, auch er ein Demokrat der alten Schule, besseres Wetter für seinen jungen Kollegen machen.

Er verstehe zudem etwas von Außenpolitik, sei bei Arbeitern und Gewerkschaften beliebt, die Frauen schätzten ihn. Und Katholik, spekulieren die Auguren über Bidens positiven Einfluss, sei er ja auch noch.In der Tat erfüllt der Senator viele Erfordernisse für einen guten Nebenmann Obamas. Doch dessen zentrale Botschaft, der Wandel, ist mit ihm nicht zu verkaufen. Das muss der Spitzemann schon selber machen.

Donnerstag, bei Obamas Rede in Denver, wird man sehen, ob seine Botschaft - keep it short and simple - tatsächlich noch für die letzten Wahlkampfwochen trägt. (Christoph Prantner, DER STANDARD, Printausgabe, 25.8.2008)

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