Der belgische Aspekt

24. August 2008, 18:23
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Tia Hellebaut sorgte im Hochsprung für die erste Goldmedaille einer belgischen Leichtathletin aller Zeiten

Lange wurde IOC-Präsident Jacques Rogge auf die Folter gespannt. Bis zum letzten Olympia-Wochenende stach kein einziger belgischer Medaillentipp. Also musste der Belgier in seiner hochoffiziellen Funktion noch vor Erlöschen des Feuers auf den Goldmedaillenregen von Gastgeber China eingehen. Oder auf die USA, die die meisten Medaillen gewinnen konnten. "Jedes Land wird den Aspekt hervorheben, der ihm am geeignetsten erscheint", bilanzierte der 66-Jährige.

Leichtathletik ist so ein Aspekt, der dank äußerst mäßiger Leistungen von österreichischen Athleten in Peking hierzulande eher nicht im Blickpunkt öffentlichen Interesses steht. Belgien dagegen ist seit Samstag in Leichtathletik-Aufruhr. Tia Hellebaut setzte sich im Hochsprung überraschend vor der kroatischen Weltmeisterin Blanca Vlasic durch. Beide hatten 2,05 m übersprungen, Hellebaut schaffte die Marke im Gegensatz zu Vlasic im ersten Versuch. Bei 2,07 m scheiterten beide. "Mein Trainer Wim Vandeven hat mir immer wieder gesagt, dass ich in guter Form bin und einen neuen nationalen Rekord springen könnte. Er hat immer Recht", jubelte die 30-Jährige gemeinsam mit ihrem Coach, der auch ihr Lebensgefährte ist. Vlasic hatte zuvor 34 Bewerbe en suite gewonnen, war seit Juni 2007 unbesiegt.

Die Antwerpenerin, die wegen einer Kontaktlinsen-Unverträglichkeit auch beim Sport immer eine Brille trägt und für einen belgischen Optikhersteller wirbt, sorgte mit ihrem Sieg am Samstag für eine Premiere. Erstmals gewann eine Belgierin olympisches Gold in der Leichtathletik. Die überhaupt erste Leichtathletik-Medaille wurde nur einen Tag zuvor von der belgischen Sprint-Staffel der Damen gewonnen. Sie holte sich Silber. Auch die Herren zeigten auf: In der Staffel über 4 x 400 m rannten sie lange Zeit in den Medaillenrängen, am Ende belegten sie Rang fünf.

In Belgien, wo man sich dank der Pekinger Erfolge einen Boom in der Leichtathletik erhofft, ist Hellebaut schon lange kein unbeschriebenes Blatt mehr. Die ehemalige Siebenkämpferin, die mit 6201 Punkten auch den nationalen Rekord hält, spezialisierte sich erst im März 2006 in ihrer besten Einzeldisziplin. Fünf Monate später gewann sie bei der EM in Göteborg Gold, auch bei der Hallen-EM 2007 in Birmingham holte sie sich den Titel. Bei der Hallen-WM im März dieses Jahres in Valencia holte sie sich zur Abwechslung Gold im Fünfkampf. (David Krutzler - DER STANDARD PRINTAUSGABE 25.8. 2008)

 

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