Analyse: Jörg Haider (BZÖ) - Heinz-Christian Strache (FPÖ)

24. August 2008, 18:17
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Tatjana Lackner, Politiker-Profilerin und Direktorin der Schule des Sprechens, analysiert für den Standard die politische Rhetorik der TV-Konfrontationen

Auf beiden Seiten des Tisches gab es „Blockbuster-Rhetorik", sprich: Simple Formulierungen dominierten.

BZÖ-Spitzenkandidat Jörg Haider setzte auf Erfahrungsargumente. Er verkaufte Kärnten als das Fertigteilhaus der rot-schwarzen Lagune Österreich. Dadurch präsentiert er sich als Praktiker und ließ seinen Gegner als parteipolitischen Kleindenker übrig. Über den Tellerrand Kärntens hinaus gingen auch seine Berufswünsche: Haider will Kanzler werden. Strache im Gegensatz dazu Wiener Bürgermeister.

Sprachlich setzte Haider auf durchschnittliches Niveau mit oberösterreichischem Lokalkolorit. Wirkung braucht Raum - Haider sprach daher deutlich gelassener und leiser. Er weiß genau, wie wesentlich die Betonung von wichtigen Inhalten ist. Besonders vor Zahlen und Daten setzte er Pausen, um die Aufmerksamkeit zu fokussieren.

Als Bluffs setzte Haider „Behauptungsarien" ein. Er schaffte außerdem den Spagat, Involvierter und gleichzeitig auch Beobachter der Szenerie zu sein. Gern bemühte er dafür die Metaebene, à la: „Sehen Sie, Strache beginnt mit der Schlammschlacht!"

Dem Gesprächspartner gab er warm-kalt („April-Rhetorik"), den potenziellen Wählern vermittelte er ein Wir-Gefühl.

FPÖ-Spitzenkandidat Heinz-Christian Strache startete ab der ersten Minute die Beschuldigungstaktik gegen Haider, was ihn selbst Sympathiepunkte kostete. Man bedenke: Den Gesprächspartner anzuschütten besudelt immer auch die eigene Weste. Rhetorisch agierte er deftig. Kleinteilig war Strache nur im Hickhack, nicht in seiner Argumentation. Trotzdem blieben detaillierte Vorschläge aus, die sich vom Haider-Konzept unterscheiden. Sprachliche Bilder, knapp hintereinander und inflationär verwendet, überdeckten Kernaussagen.

Bereits seit dem Kindergarten sollte bekannt sein: Bei Namensnennung oder Begrüßungsfloskeln ist kein Artikel angebracht!

Die Sprache ist die Kleidung unserer Gedanken - Milieusprache wirkt daher entlarvend und wenig kulinarisch. Der FPÖ-Kandidat, ein echter Wiener, klang auch ganz so: „Strache" reimt sich auf „Sprache" schlecht, weil es eben unterscheidbare Vokalqualitäten gibt: lange und kurze! Seine Sprechmotorik war trotz des enormen Redetempos schwerfällig. Atem- und Stimmprobleme zeichneten sich schon im Vorwahlkampf hörbar ab.

Aggressiv im Unterton, verharrte Strache bis zum Schluss in der Rechtfertigungshaltung. Verächtliche Schnaubgeräusche und verbales Schnelltexten (Staccato-Modulation) unterbrachen den Gesprächsfluss. Sein Dauergrinsen irritierte. Strache ist gegen vieles: Ausländer, BZÖ, SPÖ, ÖVP, ... - Zwischendurch attackierte er sogar die Moderatorin: „Wenn Sie mich als Frau einmal ausreden lassen." Damit bot er ausreichend negative Identifikationsflächen. (DER STANDARD, Printausgabe, 25.8.2008)

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