Die Präsidentenbrille und die Bilanz

25. August 2008, 11:47
266 Postings

Sehr viel Lob für die Organisation, kaum kritische Worte zum chinesischen Umgang mit Menschenrechten und Meinungsfreiheit. So sah das Fazit von IOC-Präsident Jacques Rogge aus

Peking - Georgische und russische Sportler haben sich umarmt. Als sich die Spiele der 29. Olympiade am Sonntag ihrem Ende zuneigten, wurde IOC-Präsident Jacques Rogge gefragt, was dann in "seiner" Geschichte über diese Spiele vorkommen müsste. Diese Georgier und diese Russen, so sagte Rogge, müssten vorkommen. Und eine Hauptrolle würde auch der amerikanische Schütze Matt Emmons spielen. Der hatte, wie vor vier Jahren in Athen, mit einem unglaublichen Fehlschuss eine scheinbar sichere Goldmedaille vergeben. "Aber dieser Schütze", sagt Rogge, "zerbricht daran nicht. Im Gegenteil, er motiviert sich neu und will 2012 wieder dabei sein." Das, so Rogge, sei "der olympische Geist". Denn ums Gewinnen, nein, ums Gewinnen gehe es nicht.

Noch so ein mögliches Beispiel. Rogge hat es nicht mitverfolgt. Im Marathon der Männer ging es um Platz vierzig. Das Rennen war bereits älter als 2:21 Stunden, der kenianische Sieger Samuel Kamau Wanjiru (2:06:32) war längst und 38 andere waren ebenfalls im Ziel. Da bogen der Nordkoreaner Song Chol Pak und der Moldawier Jaroslaw Musinschi aus dem ins Vogelnest führenden Tunnel auf die Laufbahn ein. Pak klopfte Musinschi aufmunternd auf die Schulter. Sie hatten den größten Teil des Laufs nebeneinander, hintereinander, jedenfalls miteinander verbracht. Nun gingen sie gemeinsam auf die letzten vierhundert Meter. Und gar mit einem Shakehands ex aequo über die Ziellinie?

"Ikonen Phelps und Bolt"

Zurück zu Rogge und in den großen Pressekonferenzraum im ersten Stock des sogenannten Empisi (Main Press Center). "China hat mehr über die Welt, und die Welt hat mehr von China erfahren", zog er Bilanz. Er sei "sehr zufrieden mit der Organisation", die Sportler seien "im Mittelpunkt gestanden", und natürlich seien "Michael Phelps und Usain Bolt die Ikonen dieser Spiele" gewesen. Sowohl Veranstalter China als auch die USA können und werden laut Rogge den Status der erfolgreichsten Sportnation für sich beanspruchen, China hat das meiste Gold (51), die USA hat die meisten Medaillen (110) gewonnen. "Wir", sagte Rogge, "wir haben dazu nichts zu sagen."

Dreißig bis vierzig Dopingfälle hatte Rogge erwartet, die Erwartung war rein mathematisch begründet nach 28 Dopingfällen in Athen und einer Ausweitung von 3700 auf 5000 Dopingtests. Am Sonntag war das Ergebnis der Proben von der letzten halben Wettkampfwoche noch ausständig, aber bei einem Stand von zehn Dopingfällen schon absehbar, dass Rogges Erwartung weit untertroffen wird. Der IOC-Präsident führt das auf "größere Abschreckung" zurück, weil öfter kontrolliert und strenger bestraft werde.

Freude auf 2010 und 2012

Rogge, nicht nur IOC-Chef, sondern auch Belgier, hat sich "darüber gefreut", dass Belgien noch Medaillen gewann. Er freut sich auf die Winterspiele 2010 (Vancouver) und die Sommerspiele 2012 (London). London sei eine "multikulturelle Weltstadt", in England sei der moderne Sport und der Fairplay-Gedanke entstanden, das gelte es hervorzuheben. Die vieldiskutierten Altersangaben chinesischer Turnerinnen sollen, sagt Rogge, vom internationalen Turnverband genauer untersucht werden. Ob er, Rogge, sich einer Wiederwahl als IOC-Präsident stellt, wolle er im Oktober bekanntgeben.

Das IOC ist natürlich nicht China, so hat sich Rogge auch der einen oder anderen Frage zumindest stellen müssen. Mit den Antworten mussten sich die Journalisten insofern zufriedengeben, als die Pressekonferenz nach 35 Minuten abgebrochen wurde. Rogges Antwort zur Frage des eingeschränkten Internetzugangs: "Die Chinesen hatten angekündigt, den Zugang weitestgehend zu ermöglichen. Das IOC hat gegen die Blockaden einiger Seiten protestiert. Die Situation war keineswegs perfekt, aber ein enormer Fortschritt." Rogge zur Tatsache, dass in den drei offiziellen Protestzonen keine einzige Demonstration stattfand: "Das IOC hat nachgefragt. Die Antwort war, dass alle Probleme einvernehmlich gelöst werden konnten." Und jene zwei Greisinnen, die gegen die Räumung ihrer Häuser vergeblich Beschwerde führten, fünf Anträge stellten und zu einem Jahr Arbeitslager verurteilt wurden? Auch das hat Rogge mit den Chinesen besprochen. "Die Antwort war, das chinesische Gesetz sei zur Umsetzung gekommen."

Weil es bei Olympia nicht um den Gewinn und nicht ums Gewinnen geht? Der von Rogge zitierte amerikanische Schütze Matt Emmons hat übrigens tatsächlich angekündigt, in vier Jahren einen neuen Versuch zu unternehmen. "Weil ich in London gewinnen will." Und der Nordkoreaner Song Chol Pak, der dem Moldawier Jaroslaw Musinschi im Finish auf die Schulter geklopft hatte, zog dann doch noch einen Endspurt an und hängte Musinschi um zwei Sekunden ab. Als es um den vierzigsten Platz im Marathon ging. (Fritz Neumann - DER STANDARD PRINTAUSGABE 25.8. 2008)

 

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Die Schlussfeier im Vogelnest war natürlich auch toll. Am Sonntag, um 20.58 Uhr Pekinger Zeit, waren die Spiele schon wieder Geschichte.

Share if you care.