Hauszustellungskorrektur

24. August 2008, 18:23
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Er habe sich, bedauerte E., da geirrt - In einem Etikettierungsdetail - aber die Stadtzeitung käme nach wie vor

Es war am Samstag. Da meldete sich E. aus dem Urlaub zurück. Erstens erholt - und zweitens ein bisserl verlegen. Denn, sagte er, es gäbe da etwas richtig zu stellen. Aber das, sagte er, sei ihm auch erst aufgefallen, als er im Urlaub diesmal das erste Mal wieder die nachgeschickte Zeitung bekam.

E., das zur Erinnerung, ist jener Zeitgenosse, der seit Jahren die Stadtzeitung gratis zugeschickt bekommt (siehe Stadtgeschichte „Die holen dich da raus") - und das, obwohl er nie ein Abo bestellt hat. Was E. aber wirklich erstaunt: Jedes Mal, wenn er übersiedelt, folgt ihm die Stadtzeitung. Und wenn er seine Tageszeitung urlaubsbedingt einmal pausieren lässt, pausiert auch die Stadtzeitung - um danach pünktlich wieder auf der Türmatte zu liegen.

Nachsendeproblem

Einzig das Nachsenden, erzählte E. damals, funktioniere nicht: Die Tageszeitung lande zwar regelmäßig und pünktlich an den diversen Urlaubsadressen - aber die Stadtzeitung nicht. Und das, sagte E, fände er schon schade. Oder beinahe kleinlich.

Aber darum, erklärte der aufgeräumte E., gehe es diesmal nicht. Viel mehr wolle er ein Stück von ihm verzapften Holler korrigieren, auf das ihn ein Freund aufmerksam gemacht habe: E. hatte erzählt, dass ihm nach einer Übersiedlung einmal einer seiner neuen Nachbarn die Stadtzeitung nachgeliefert habe. Weil der Zusteller sich geirrt hatte. Und dem Nachbarn zwei statt einer Stadtzeitung vor die Tür gelegt hatte. Der Nachbar, hatte E. erzählt, habe dann aufgrund des Namens- und Adressaufdrucks den richtigen Empfänger ausfindig gemacht.

Falsch

Genau das, korrigierte sich E. nun, sei aber falsch. Und davon habe er sich jetzt - im Urlaub - selbst überzeugt: Name und Adresse stünden lediglich auf den ihm postalisch ins Ferienhaus nachgeschickten Tageszeitungen. Auf der Stadtzeitung vor der Tür befände sich lediglich ein Stempel „Hauszustellung". Und - aber das nicht immer, eine handschriftlich hinzugefügte Türnummer. Irgendwie, bedauerte E., sei ihm das beim Erzählen durcheinander geraten.

Im Nachhinein deckt sich das auch mit dem Bisserl, was ich über Hauszusteller weiß. Irgendwann bin ich nämlich mit diesen Heinzelmännchen auf Tour gegangen. Und abgesehen von dem kleinen Einblick in ein Ethno- und Soziotop, von dem man tagsüber nur etwas bemerkt, weil irgendwo Fahrräder mit Bäckerkisten am Gepäckträger lehnen, bekam ich auch einen Crashkurs im Zeitungspackeraufteilen und -zustellen. Und einen Muskelkater in den Beinen.

Paketaufschnüren

Denn bevor die Zusteller zustellen, müssen sie ihre Pakete zusammenstellen. Das machen sie selbst: Zwischen drei und fünf Uhr früh stehen sie in kleinen Gruppen an Kreuzungen oder vor mutmaßlich leeren Geschäftslokalen und fangen die großen Packen auf, die da aus vorbeifahrenden Minivans geworfen werden.

Die Packen werden dann in Windeseile in irgendeinem schmucklosen, tagsüber als Leerstand angesehenem, Gassenlokal sortiert: Jeder Zusteller steht an einem Tisch über dem eine Liste mit seinem Rayon hängt. Und schon hier am Tisch legt er die Zeitungen so zusammen, dass dann für jede Haustür in jedem Haus die richtige Auswahl griffbereit in seinem Bäckerkorb am Fahrradgepäckträger liegt.

Blinder Griff

Mit der Zeit kennt jeder Zusteller seine Runde auswendig. Und hat deshalb für jedes Haus die richtigen Abo-Pakete blind im Griff. Aber in manchen Häusern ist es dann eben doch so, dass es da mehrere ähnliche Pakete abzuwerfen gibt - und da schreibt man dann mit Kuli die Türnummern auf eines der Hefte.

Die Stadtzeitung, erzählte mir einer der Zusteller damals, sei bei ihm und seinen Kollegen nicht besonders beliebt. Der Standard übrigens auch. Aber das, fügte er hinzu während wir um halb sechs Uhr morgens im mittlerweile fünften Haus zu Fuß ins Dachgeschoß sprinteten, habe wirklich nichts mit den Inhalten zu tun. Die kenne er nämlich gar nicht. Aber die Stadtzeitung und der Standard hätten wohl ein jüngeres Publikum als die von ihm ebenfalls ausgetragene Presse.

Beinarbeit

Und das, klagte der junge Mann aus Pakistan lachend, bekomme er zu spüren: Studenten, meinte der Zusteller, würden nämlich gerne in höhere Stockwerke ziehen - und noch nicht so darauf achten, ob es da auch einen Lift gibt. Und später, wenn sie Geld hätten, zögen sie gern in neu adaptierte Dachgeschoßwohnungen. Die hätten zwar einen Lit. Aber der, sagte der Zusteller, wäre immer öfter nur mit einem Schlüssel zu benutzen - und zu langsam: wenn in den unteren Stockwerken auch zuzustellen sei, wäre man zu Fuß allemal schneller.

Während er das erzählte, warf er im Vorbeilaufen seine Zeitungen ab - und warf nur einen flüchtigen Blick auf die Türnummern, die er irgendwo an den Rand gekritzelt hatte. Meistens schaute er nicht einmal auf die, sondern war schon weg, bevor die Zeitung am Boden angekommen war. Aber von all dem hat E. noch nie etwas bemerkt. (rott, derStandard.at, 25.08.2008)

 

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