Der schwimmende Tiergarten

21. Februar 2003, 23:03
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Yann Martel erzählt die Legende eines Schiffbrüchigen

Es beginnt mit einer Schreibkrise. Der noch wenig bekannte Autor, der Kanadier Yann Martel, fährt nach Indien, um seinen zweiten Roman zu schreiben, und scheitert. Zunächst. Denn in einem Café in Pondicherry trifft er auf einen Fremden, der ihm ungefragt eine Geschichte zusteckt, mit den Worten: "Ich habe eine Geschichte, die Ihnen den Glauben an Gott geben wird."

Wahr oder falsch? Eine in der Literatur eher unbedeutende Frage. Allerdings wird der Roman Schiffbruch mit Tiger (im Englischen geheimnisvoller Life of Pi), der mit dieser "Entstehungsgeschichte" ansetzt, kein geringer Erfolg. Er gewinnt 2002 den bedeutendsten britischen Literaturpreis, den Booker Prize. Und nur kurze Zeit später werden in den New York Times Plagiatsvorwürfe laut: Martel habe sich die Geschichte nicht von irgendjemanden "erzählen lassen", vielmehr hat sie der brasilianische Autor Moacyr Scliar in seinem Buch Max and the Cats geschrieben: Ein jüdischer Junge überlebt darin gemeinsam mit einem schwarzen Panther ein Schiffsunglück. Was in der Tat sehr ähnlich dem Hauptteil von Schiffbruch mit Tiger klingt: Martel jedenfalls behauptet, Scliars Roman nie gelesen zu haben (sondern nur eine Rezension davon).

Es beginnt mit einem Tiergarten in Indien, in der Stadt Pondicherry. Er gehört dem Vater von Piscine Molitar Patel, dem Held und Erzähler des Romans; er wurde nach einem Schwimmbad benannt, in der Schule wird er stets "Pisser" gehänselt, weshalb er sich in Pi umbenennt. Pi wie die mathematische Zahl, die Konstante in einer inkonstanten Welt. Die ersten hundert Seiten von Schiffbruch mit Tiger gehören dessen glücklicher Kindheit, und es ist vor allem die facettenreiche Tierwelt, der der Erzähler die größte Aufmerksamkeit schenkt. Er führt dabei eigenwillige Perspektivenwechsel durch, indem er etwa dem Zoo - wider die verbreitete Auffassung, dieser sei ein Gefängnis - nur Positives abgewinnt: Tiere seien Geschöpfe, die Gewohnheit schätzen, und so sei manches entlaufene Exemplar wieder in seinen Käfig zurückgekommen. Solch naiv-gewitzte Beweisführungen sind charakteristisch für Pi (und diesen Roman) - mit derselben unerschütterlichen Logik glaubt er an Gott und wendet sich neben dem Hinduismus noch zwei weiteren Religionen zu, dem Christentum und dem Islam. Weil sie ihn alle drei Gott näher bringen, meint er.

Pis Leben zwischen Tieren und Gebeten ist in gewisser Weise jedoch nur eine Vorbereitung auf eine Prüfung, die kommt, als die Familie Indien in Richtung Kanada verlässt: Das Schiff sinkt auf der Überfahrt, einzige Überlebende sind Pi, ein Zebra, eine Tüpfelhyäne, ein Orang-Utan und Richard Parker - ein bengalischer Tiger. Gemeinsam sitzen sie in einem Rettungsboot. Die Vorgeschichte des Zoos entpuppt sich so als Mittel, das Überleben des kleinen Noah (227 Tage auf hoher See!) mit einem gewissen Maß an Wahrscheinlichkeit zu versehen: Denn Pi, bald mit dem Tiger allein, bleibt nur noch sein Wissen um die Tierwelt (und sein Glaube); also versucht er, den Tiger zu domestizieren.

Martels Geschichte bewegt sich stets auf dem schmalen Grad zwischen fantastischer Übertreibung und Naturalismus. Letzterer rettet Schiffbruch mit Tiger davor, zum bloßen Hirngespinst zu verkommen: Mit Freude am Detail beschreibt er den zunehmenden Verfall, die Überwindung zivilisierter Verhaltensmuster, die Verrohung. Vor allem begeht Martel nicht den Fehler, den Tiger zu anthropomorphisieren: Er bleibt bis zum Schluss ein Faktor der Unberechenbarkeit. Dennoch behält das Buch bei aller Eindeutigkeit der Qualen und Entbehrungen, die Pi erleidet, einen leichten Tonfall bei. Das liegt an der Erzählhaltung, die, getragen von einer sehr geradlinigen, klaren, beinahe simplen Sprache, keine menschlichen Tiefen auslotet. Die Odyssee Pis wird hauptsächlichen von praktischen Fragen beherrscht, sein Glaube nie richtig erschüttert und seine Herzensgüte kann schon manchmal nerven. Selbst als ihm die Kleidung wie Fetzen vom Leib fällt, trotzt er dem moralischen Verfall; auch wenn er nahe am Ertrinken ist, hat er, ein MacGyver der Schiffbrüchigen, noch einen nützlichen Einfall. Schlechtestenfalls leidet er an Halluzinationen, und das sind prompt die fesselndsten Passagen: wenn sich die Wahrnehmung vernebelt und Pi auf einen weiteren (blinden) Passagier trifft; oder als er an einer merkwürdigen Insel strandet, auf der Horden von Erdmännchen leben - sie könnte aus einem Roman Kurt Vonneguts sein.

Wahr oder falsch? Das ist eine Frage, die sich der Leser gar nicht mehr stellt, weil er Pi alles abkauft. Und das ist so etwas wie die Quintessenz von Schiffbruch mit Tiger: Es gibt lebenserhaltende Fiktionen, die wahrer sind als das, was vielleicht wirklich passiert ist. Yann Martel ist in diesem Sinne ein echter Erzähler. Einer, der nicht glauben will, dass man nicht mehr erzählen kann. Der sich jedoch zur Sicherheit ein wenig naiv stellt. [] (DER STANDARD, ALBUM, Printausgabe vom 22./23.2.2003)

Von Dominik Kamalzadeh

Schiffbruch mit Tiger. Aus dem Englischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié.

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    bild: buchcover
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