"Darum"

21. Februar 2003, 21:36
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von Daniel Glattauer

Um acht wurde ich abgeholt. Die beiden bulligen Justizwachebeamten kannte ich nicht. Sie waren neu in meinem Gefangenenleben und steif wie die Uniformen, die sie trugen. Ihre Gesichter rochen frisch imprägniert und hatten etwas weltmännisch Herzeigbares. Vermutlich waren sie aus einem Fotoshooting als Sieger hervorgegangen. Sie mussten ja jetzt mit mir durch alle Blätter und Fernsehkanäle. Vielleicht waren sie auch nur geliehene Komparsen vom Theater.

Sie führten mich einen interessant gesteckten Kurs mit vielen Stufen entlang, einmal ein Stockwerk hinauf, dann wieder hinunter. In schlechten Kriminalfilmen wären dabei gut ein halbes Dutzend Fluchtaktionen und Geiselnahmen drin gewesen. Schon dachte ich, sie hätten sich verirrt. Aber schließlich erreichten wir einen Haftraum, zumindest stand das auf dem Schild vor der Tür. Drinnen sah nichts nach Haftraum aus, aber auch nichts nach einem anderen Raum. Es fehlte jedes Inventar. Vielleicht war das Absicht. Vielleicht waren Mörder wie ich geständiger, um dieser Kahlheit hier zu entrinnen.

Die stumme Verlegenheit der beiden machte mich nervös. Ich fragte sie, ob sie glaubten, dass noch einmal Schnee kommen würde. Schnee im März war ja nichts Außergewöhnliches. "Ich denke schon", sagte einer. Er konnte also denken. Seine Stimme war mit einer Wachsschicht überzogen. "Hoffentlich nicht", sagte der andere. Er konnte also hoffen. Das sprach für ihn.

"Darf ich Sie etwas fragen?" - Wir hatten eindeutig zu viel Zeit in einem zu leeren Raum, die Frage musste kommen. Es war der, der auf keinen Schnee hoffte. "Haben Sie den Mann wirklich umgebracht?" Er ließ mir ein paar Sekunden Zeit, um nicht zu antworten. Dann sagte er: "Sie sehen nämlich nicht aus wie einer, der einen umbringt." Ich bedankte mich mit einem gequälten Lächeln und fragte, wie denn einer aussehe, der einen umbrachte. - "Brutaler, viel brutaler", sagte der, der dachte, dass es noch Schnee geben würde. "Die echten Brutalitäten stecken oft tief in einem drinnen, die sieht man nicht", sagte ich. Ich bereute den Satz, ich wollte nicht klug wie Harrison Ford sein, aber sie nickten, als hätten sie etwas fürs Leben gelernt.

Ein Rauschen aus einem Funkgerät erlöste mich von dem Gespräch. Der an den Schnee glaubte nickte dem, der auf keinen Schnee mehr hoffte, zu. Sie räusperten sich, richteten ihre Uniformschultern und streichelten ihre Scheitel. Einer fragte mich: "Sind Sie bereit?" Ich lächelte. Ich war bereit, seit Jahren schon.

Wir bewegten uns direkt auf die Klangwolke zu. So viele Stimmen auf einmal taten mir nicht gut. (...) Ich war froh, meine Komparsen eng an mir zu haben. Wir befanden uns beim Hintereingang zum Großen Schwurgerichtssaal. Von der anderen Seite hatte ich in meinem früheren Leben schon ein paarmal auf den Gang hinausgeschaut. Damals hatte ich nicht geahnt, dass ich mir hier einmal entgegenkommen würde.

Wir betraten den Saal und waren sogleich auf Sendung. So hell hatte ich es mir als Kind im Himmel vorgestellt, so laut in der Hölle. Der Lärm um mich schluckte die Hysterie und kollabierte, ich hörte nur noch Dröhnen auf hoher Frequenz. Ich zählte meine Schritte bis zur Anklagebank. Vierzehn Schritte. Die meisten Mörder brauchten mehr. Sie trippelten und stolperten in den Saal. Manche wurden hineingeschleift. Als Gerichtsreporter hatte ich ihnen immer auf die Füße geschaut. Wenn sie zur medialen Hinrichtung in den Saal geführt wurden, konnte ich ihnen nicht ins Gesicht sehen. Ich hätte mich sonst mitschuldig gemacht.

Die Kameralichter, die mich suchten und fanden, waren ätzend grell. Ich durfte, ohne dass man es mir verübeln konnte, meine Augen schließen. Nur nicht fühlen, dachte ich. Unter den spitzen Schreien hörte ich oft meinen Namen. "Hey, Haigerer!" "Jan, hier!" "Jan, schau her!" Ich versuchte, einen freundlichen Mund zu machen. Ich wollte ihnen ein guter Exkollege sein. Ich hörte auch: "Wie geht's dir?" "Bist du krank?" "Sag was!" "Ein paar Worte bitte!" und "Wird es ein Freispruch?" Ein paar Stimmen kannte ich von früher. Ich hatte sie nicht vermisst. Einer schrie: "Herr Haigerer, was haben Sie heute gefrühstückt?" Das war eine beliebte Journalistenfrage. Sie brachte Mörder mit braven Bürgern an einen Tisch. Ich freute mich über die Frage, sie war so banal, dass sie mir gut tat. Ich warf dem Kollegen "Tee und Zwieback" zurück. Hundert Journalisten schrieben jetzt "Tee und Zwieback" auf ihre Notizblöcke. Einmal war ich einer von ihnen. Einmal hatte ich selbst "Tee und Zwieback" geschrieben.

Vor mir gab es heftige Positionskämpfe. Die Fotografen wollten näher an mich heran. Sie hatten noch keine scharfen Bilder von den Haaren in meinen Nasenlöchern. Polizisten drängten die Kameraleute zurück, diese wehrten sich und setzten ihre schweren Geräte ein. Alle taten ihren Job und waren bereit, sich dafür zu zerfleischen. Ich selbst war austauschbar, die Kämpfe fanden so oder so statt, mein Mord war nur ein geeigneter Anlass. Das beruhigte ein bisschen mein Gewissen.

Entsprechen Ihre übereinstimmenden Angaben vor der Polizei und vor der Untersuchungsrichterin der Wahrheit?", fragte die Richterin. - "Ja", erwiderte ich. - "Der Vorfall liegt schon ein halbes Jahr zurück. Wenn Sie sich an etwas nicht mehr erinnern können, dann sagen Sie: ,Ich kann mich nicht mehr erinnern', aber sagen Sie nichts Falsches, ja?" - "Ich kann mich an alles erinnern." "Seit wann besitzen Sie eine Faustfeuerwaffe?" - "Seit dem dreizehnten September des vorigen Jahres." - "Das war etwa vier Wochen vor der Tat." - "Vier Wochen und fünf Tage." - "Woher hatten Sie sie?" - "Gekauft. In einem Waffengeschäft." - "Haben Sie einen Waffenschein?" - "Nein." - "Wozu haben Sie sich die Waffe besorgt?" - "Um jemand umzubringen." (Stille, Rauschen.)

"Jemand?" - "Irgendjemand." - "Sind Sie selbst auch irgendjemand?" - "Nein. Ich bin ich. Irgendjemand ist jemand anders." - "Wollten Sie sich selbst umbringen?" - "Nein." - "Herr Haigerer, wollten Sie Selbstmord begehen wie Ihr Vater?" - "Nein." - "Auf die gleiche Weise wie er?" - "Nein." - "Ihrem Leben ein Ende bereiten?" (Stille. Rauschen. Meine Hände vor den Augen.) "Sollen wir die Verhandlung unterbrechen?" - "Nein, danke."

"Wie gut kannten Sie Bob's Coolclub?" - "Sehr gut, ich war vor dem Mord etwa zwanzig Mal dort." - "Gehen Sie gern in solche Lokale?" - "Nein." - "Stimmt es, dass Sie in den letzten zehn Jahren niemals in Lokale dieser Art gegangen sind?" - "Ja." - "Warum dann plötzlich?" - "Um meinen Mord vorzubereiten." - "Ihren Selbstmord?" - "Meinen Mord. Bitte glauben Sie mir." - "Wie soll man jemand glauben, der mindestens die Hälfte der Wahrheit verschweigt?" - "Einen Mord gesteht man nicht, wenn man ihn nicht begangen hat." (Murmeln, Rauschen.) "Aber es gibt keinen Mord ohne Grund." (Schweigen.) "Schämen Sie sich für Ihren geplanten Selbstmord?" - "Ich hatte einen Mord geplant. Und durchgeführt." - "Warum?" - "Bitte nicht." (Stille.)

"Sie wollen also Ihren Mord schon Tage vorher vorbereitet haben?" - "Ja." - "Wie?" - "Indem ich mich in Bob's Coolclub an den immer gleichen Tisch in einer Nische setzte und den Eingang beobachtete. Der Platz war so gewählt, dass mich niemand sehen konnte, dass die Distanz zur Tür knapp und die Schusslinie frei war. So ging ich die Tat hundert Mal im Geiste durch." - "Wozu?" - "Um sicher zu sein." - "Was heißt sicher?" - "Dass es auch gelingen wird." - "Was, ,es'?" - "Der Mord." - "Der Selbstmord?" - "Der Mord!" (Das war ein Schrei, ich entschuldigte mich.)

"Kommen wir zum siebzehnten Oktober." - "Ja." - "Was war das für ein Tag?" - "Ein Samstag." - "Wie war das Wetter, wissen Sie es noch?" - "Es regnete." - "Ziemlich deprimierend, nicht wahr?" - "Überhaupt nicht, ich mag Regentage." - "Sie hatten keinen Dienst?" - "Richtig." - "Es war der erste Samstag seit langem, an dem Sie keinen Dienst hatten?" - "Richtig." - "Da kommt man etwas aus dem Rhythmus, nicht wahr?" - "Wie meinen Sie?" - "Aus dem Gleichgewicht des Alltags. Man fällt in ein Loch. Man hat plötzlich Zeit, über sich selbst nachzudenken." - "Das sehe ich nicht so." - "Wie dann?" - "Entweder man ist in einem Loch oder man ist in keinem Loch, egal ob Werktag oder nicht, egal ob Sonne oder Regen." - "Und Sie waren in einem Loch?" - "Ich war in keinem Loch." (Mein ganzes Leben war ein Loch, Pause.)

"Sie erwachten alleine?" - "Man erwacht immer alleine." - "Ich meine, es lag niemand neben Ihnen?" - "Nein, es lag schon längere Zeit niemand neben mir." - "Warum nicht?" - "Weil es niemanden gab." - "Niemanden nach Ihrer Freundin Delia?" - "Ja, Frau Rat." - "Darauf kommen wir in den nächsten Tagen noch zurück." (Drohung, Herzschlag, Stille.) "Was machten Sie am Morgen dieses Samstags?" - "Ich schlief." - "Und dann?" - "Stand ich auf." - "Und?" - "Machte mich fertig." - "Wofür?" - "Ich war mit einer Freundin verabredet. Ich half ihr beim Umzug." - "Erst einer Freundin beim Umzug helfen und dann einen Fremden erschießen?" - "Ja." - "Eine seltsame Mischung für einen verregneten Oktobersamstag, finden Sie nicht?" - "Ja, vielleicht." - "Herr Haigerer, wer soll Ihnen das glauben?" - "Sie, Frau Rat. Das Gericht. Die Geschworenen. Alle. Man muss es mir glauben. Es ist die Wahrheit." (Murmeln, Unruhe.) "Ihre Freundin hieß Alexandra?" - "Ja, Alex, sie lebt nicht mehr." (Stille. Rauschen. Meine Hände vor den Augen.) "Sollen wir die Verhandlung kurz unterbrechen?" - "Ja, bitte."

"Wann haben Sie Ihre Freundin Alexandra an jenem Samstag verlassen?" - "Gegen sechs Uhr, es war schon dunkel." - "Was haben Sie dann gemacht?" - "In meinem geparkten Auto gewartet." - "Worauf?" - "Dass die Zeit verging." - "Waren Sie trübsinnig?" - "Nein." - "Was dann?" - »Aufgeregt.« - »Warum?« - "Ich hatte einen Mord vor mir." - "Warum?" (Schweigen, Stille.)

"Wo war Ihre Waffe?" - "In meiner Jackentasche." - "Die ganze Zeit über?" - "Ja, sie steckte in einem Wollhandschuh." - "Warum?" - "Als Tarnung, für Bob's Coolclub, damit man sie nicht als Pistole erkennen konnte." - "Wann betraten Sie das Lokal?" - "Knapp nach zehn Uhr. Ich war einer der ersten Gäste." - "Was, wenn Ihr Tisch schon besetzt gewesen wäre?" - "Ich hatte ihn zur Sicherheit reserviert." - "Und dann?" - "Trank ich Wein, Blauen Zweigelt." - "Wie viel?" - "Das weiß ich nicht mehr." - "Eher ein Glas oder eher einen Liter?" - "Eher einen Liter." - "Das ist viel." - "Ich habe damals viel vertragen." - "Wenn man so viel trinkt, kommt man vielleicht auf dumme Gedanken." - "Auf die dümmsten Gedanken kommt man, wenn man nüchtern ist, finde ich." - "Haben Sie sich Mut angetrunken?" - "Ja, kann sein." - "Mut wofür?" - "Für meinen Mord." (Murmeln.) "Und dann?" - "Habe ich die Pistole vor mir auf den Tisch gelegt." - "Wozu?" - "Um sie in die richtige Position zu bringen." - "Was heißt ,in die richtige Position'?" - "Mit der Mündung zur Eingangstür." - "Haben Sie die Mündung nicht auf sich selbst gerichtet?" - "Nein." - "Und wenn das Zeugen behaupten?" - "Das kann niemand behaupten. Das kann niemand gesehen haben." - "Was kann niemand gesehen haben? Dass Sie die Mündung auf sich selbst gerichtet hatten?" - "Ich habe die Mündung auf die Eingangstür gerichtet." (Das war geschrien. Ich entschuldigte mich. Ich sammelte Minuspunkte.) "Und dann?" - "Habe ich den Zeigefinger an den Abzug gelegt und gewartet." - "Worauf?" - "Bis jemand eintrat." - "Wer?" - "Mein Opfer." - "Wer sollte Ihr Opfer sein?" - "Irgendwer." - "Und wenn es ein Kind gewesen wäre?" - "Bob's Coolclub besuchen um diese Zeit keine Kinder." - "Oder eine schwangere Frau?" - "Es ist ein Männerlokal, darum hatte ich es für meinen Mord ausgewählt." - "Wenn nur irgend möglich, verwenden Sie das Wort ,Mord'. Wieso?" - "Ich sage einfach, was Sache ist." - "Sie sagen ,mein Mord', als wären Sie stolz darauf." - "Ich bin nicht stolz darauf." []

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