Kiebitze beim Spiel der Wettergötter

21. Februar 2003, 21:15
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Wiener Meteorologen untersuchen die alpine Gewitteraktivität

Hätten Sie gedacht, dass Gewitter ein äußerst rares Wetterphänomen sind? "Wir untersuchen nun seit fast einem Jahrzehnt die Blitzaktivität in unserem Bundesgebiet und haben aufgrund der relativen Seltenheit von Gewittern noch immer nicht das nötige Datenmaterial, um aussagekräftige Gewitterprognosen für einen längeren Zeitraum machen zu können", berichtet Manfred Dorninger vom Institut für Meteorologie und Geophysik der Uni Wien. So konnten die Forscher etwa am Wiener Flughafen, wo verlässliche Wetterprognosen ein zentraler Sicherheitsfaktor sind, in all den Jahren nur 48-mal beobachten, wie ein Gewitter direkt über Schwechat gezogen ist. "Für eine zuverlässige statistische Aussage", sagt Dorninger, "bräuchte ich aber mindestens 100 solche Fälle."

Gefördert vom Wissenschaftsfonds haben die Forscher die Blitzdaten im alpinen Raum einer detaillierten Analyse unterzogen. Haupterkenntnis: Seriöse längerfristige Gewittervorhersagen für einen bestimmten Ort sind nach wie vor nahezu unmöglich.

Was die Meteorologen liefern können, ist lediglich eine Wahrscheinlichkeitsaussage, dass ein Gewitter kommen wird. Wo das erwartete Wetterspektakel genau stattfinden wird, ist für einen längeren Zeitraum jedoch kaum zu prognostizieren. Machbar sind nur so genannte Kürzestfristprognosen, welche durch die neuen Blitzdaten immerhin verbessert werden können. "Zurzeit liegt die Wahrscheinlichkeit, für einen klar definierten Ort ein Gewitter 20 Minuten vorher korrekt zu prognostizieren, bei 67 Prozent", erklärt Projektleiter Dorninger. 40 Minuten vorher beträgt die Trefferwahrscheinlichkeit 34 Prozent.

Und die geografische Verteilung der Gewitterhäufigkeit? "Gewitterherde konnten wir erwartungsgemäß vor allem im südlichen Kärnten und im südöstlichen Alpenraum, von Graz bis zum Wechsel und zur Rax, beobachten", berichtet Dorninger. "Auch an der Alpennordseite, etwa im Tiroler Außerfern oder im Allgäu, blitzt es öfter als in anderen Regionen." Durch die Arbeit der Wiener Meteorologen konnte dieses seit Jahrhunderten beobachtete Wetterphänomen erstmals mit wissenschaftlichen Daten untermauert werden. Die Ursachen liegen für den Wetterexperten auf der Hand: "Vom Mittelmeer kommt häufig warme, feuchte und labil geschichtete Luft, die an der Alpensüdseite zur Hebung gezwungen wird, was eine zentrale Voraussetzung für das Entstehen von Gewittern ist." An der Alpennordseite könne eine Südströmung sehr leicht zu einer Instabilität der Atmosphäre und damit zu Gewittern führen.

Die größte Blitzdichte im Jahresverlauf konnten die Forscher im Juni, Juli und August nachweisen. Das Maximum der Blitzaktivität wurde während dieser Periode um 17 Uhr gemessen, das Minimum um neun. "Dieses morgendliche Aktivitätsminimum hat uns ziemlich überrascht", sagt Dorninger, "da es eigentlich zu schwach ausgefallen ist. Erwartet hatten wir ein ausgeprägtes Minimum mit sehr geringer Blitzaktivität zu dieser Tageszeit."

Ursache für die Hintergrundaktivität sind vor allem Frontgewitter, die - im Gegensatz zu den Wärmegewittern am Südost- beziehungsweise Nordrand der Alpen - an den Durchzug einer sommerlichen Kaltfront gebunden sind und sich daher weniger nach der Tageszeit richten.

Widerlegen konnten die Forscher in diesem Projekt auch das Vorurteil, wonach Blitze im Hochgebirge häufiger einschlagen als in niedrigeren Lagen. Mithilfe der acht in ganz Österreich verteilten Sensoren konnten sie nachweisen, dass die mittleren Höhenlagen zwischen 1500 und 2000 Metern die höchste Einschlagswahrscheinlichkeit aufweisen. Der um die 3000 Meter hohe Alpenhauptkamm dagegen zeigt ein Blitzminimum. Bergsteiger sollten sich im Hochgebirge trotzdem nicht allzu sicher fühlen, warnt der Forscher: "Natürlich gibt es auch in dieser Höhe noch genug gefährliche Unwetter." (Doris Griesser/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22./23. 2. 2003)

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