Mit Vollgas Richtung Durchbruch

21. Februar 2003, 20:29
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Von Möchtegern-Karaoke-Superstars bis hin zu manischen Selbstzerstörern auf MTV ...

Von Möchtegern-Karaoke-Superstars bis hin zu manischen Selbstzerstörern auf MTV: In den Zeiten von Jubel, Trubel, Heiterkeit und Reality-TV tritt gleichzeitig immer mehr in den Hintergrund, was wirklich oder zumindest möglicherweise wirklich von Belang ist.

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Wien - Ein Titelbild von News - glasklarer Befund oder Wunschprojektion? Die Frage stellte sich einmal mehr, als in dieser Woche auf dem Cover des Magazins zwei "Entscheidungen" jeweils gleichwertig bedeutsam in Aussicht gestellt wurden. Einerseits Wie Schüssel regieren will - wobei der Kanzler als "Napoleon" sehr plakativ Erinnerungen an eine TV-Serie auslöste. Andererseits: Wer wird Superstar? Alles zum Starmania-Finale.

Man könnte hier nun nachhaken und festhalten, dass wohl beide Unternehmungen - Starmania I und Schüssels Ära II - in weiten Kreisen der Bevölkerung heiteres Unbehagen auslösen, ja, dass sie in ihren Inszenierungen nur bedingt als seriös wahrgenommen werden. Dennoch: Die Gleichwertigkeit irritiert - erst recht, weil sie sich ja nicht nur für News so darstellt.

Siehe den ORF, in dessen Hauptabendprogramm Seitenblicke ebenso viel Sendezeit haben wie die innenpolitische Berichterstattung der ZIB 1. Siehe erst recht die internationalen Privatsender, in denen hausgemachte Neuigkeiten (Anekdoten rund um Eigenproduktionen) wichtiger sind als die realen Weltläufe. Man lächelt, man mokiert sich dabei möglicherweise auch über sich selbst, und dennoch: Ton ab, Kamera läuft.

Impressionen vom Fernsehabend am Donnerstag: Vera Russwurm diskutiert ausführlichst mit der Ex- oder Nochfrau von Klausjürgen Wussow (und zitiert dabei ausführlich News); auf irgendeinem Sender freuen sich die Lugners auf den Opernball; auf RTL sehen wir wieder einmal Dieter Bohlen im gemeinsamen Auftritt mit den Jungs und Mädels von Deutschland sucht den Superstar; bei Stephan Raab auf ProSieben tritt Johnny Knoxville auf: der Star von Jackass - einer MTV-Serie, in der sich mehr oder weniger ausgebildete Stuntmen spektakulären Selbstverletzungsmanövern aussetzen.

Crashtest forever!

Jackass, ursprünglich eine Billigproduktion auf MTV, ist mittlerweile so erfolgreich, dass nun auch ein gleichnamiger Kinofilm international Furore machen soll: inklusive Klettermanövern über Krokodilbecken oder Crashtests mit fragilen Einkaufswagerln, deren menschliche Passagiere höchst unzureichend geschützt sind. Knoxville verwies bei Raab auf drei schwerere Blessuren während der Dreharbeiten, und unausgesprochen stellte er fröhlich einmal mehr die Frage in den Raum: Ist das doof? Klar, sagen dann die Fans: Genau deshalb ist es ja auch super.

Insofern ist etwa Starmania durchaus verwandt mit Jackass: Mehr oder weniger erwachsene Menschen singen Karaoke, wie einst nur die kleinen Kinder in der Mini-Playback-Show. Das alles ist äußerst preisgünstig produziert - ein nicht unwesentlicher Aspekt an sämtlichen Spielformen der Reality-TV-und Selbstentäußerungskultur. Und: Es wirft im Idealfall maximal Einkünfte für die Produzenten ab. Selbst diejenigen, die das skurril finden, schalten ein und erhöhen die Quote - auch in Ermangelung anderer Sendeformate.

"Bei uns geht es schon lange nicht mehr ums Können", meinten zuletzt in einem Interview mit dem STANDARD die Finalisten von Starmania. Diese Erkenntnis ändert nichts an der Tatsache, dass sie den "Durchbruch" schaffen wollen (was übrigens die Herrschaften von Jackass in ihren Einkaufswagerln ganz wortwörtlich realisieren). Und wenn das Bild dieses Durchbruchs nur für wenige Wochen vorhält: Starmania II oder Big Brother für Fortgeschrittene sind in Vorbereitung. Dazwischen kann man ja auch einen Auftritt in der Promi-Millionenshow versuchen.

Ist das neu? Nein, Ausscheidungswettkämpfe kannten angeblich schon die alten Gladiatoren. Aber gab es nicht damals auch schon so etwas wie den Slogan "Brot und Spiele" - zwecks besserer Verschleierung einschneidender politischer Maßnahmen?

Wem dieser Vergleich zu simpel erscheint, der sei zumindest auf den deutschen Systemtheoretiker Dirk Baecker verwiesen, der im Essay Die Strategie der Organisation zu Recht darauf verwies, dass "Programme Macht erwerben, indem sie Fetischcharakter annehmen, wenn ,Fetisch' hier heißen darf, dass das Programm der relativierenden Beobachtung entzogen wird, indem der Blick an ihm vorbei einer mehr oder weniger unsagbaren Bedrohung ansichtig wird." Das könne, so Baecker in einem Exkurs zu schulischen Systemen, "die lange Zeit für eher harmlos gehaltene Form annehmen, dass ein Lehrer seinen Unterrichtsstoff fetischisiert, weil er nicht wüsste, was er tun sollte, wenn er ihn nicht hätte".

Es müsste, könnte man nun sagen, im Interesse einer verantwortungsvollen Medien-und Gesellschaftspolitik liegen, gegen diese Fetische, die den Blick verstellen, anzuarbeiten - gesetzt den Fall, es ist nicht im Interesse dieser Politik, quasi auf gleicher Ebene mit Starmania zu agieren oder sich verharmlost auf dieser Ebene verkauft zu sehen. Es kann auf Dauer nicht angehen, dass die Begriffe "Ausscheidung" und "Unterscheidung" miteinander verwechselt werden. (DER STANDARD, Printausgabe vom 22./23.2.2003)

Von
Claus Philipp

Futter für die Regenbogenpresse
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  • Man sieht nicht immer gut aus; Hauptsache aber, man kommt gut rüber: „Jackass – der Film“,
auch so ein Phänomen in Zeiten von preiswerten Spektakeln
    foto: paramount

    Man sieht nicht immer gut aus; Hauptsache aber, man kommt gut rüber: „Jackass – der Film“, auch so ein Phänomen in Zeiten von preiswerten Spektakeln

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