...und immer geradeaus: Schüssel, der Nachtwandler

21. Februar 2003, 18:03
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Doron Rabinovici erklärt im Kommentar der anderen, dass "allzu heißes Verlangen" den Kanzler den Freiheitlichen zutreibt

Diese Verhandlungen scheinen erfolgreich abgeschlossen, ehe sie noch begonnen wurden. Anders als vor den Sitzungen mit den Grünen strahlte Wolfgang Schüssel nun nach den Beratungen im Parteivorstand vor Freude.

Nein, es ist nicht Kaltblütigkeit, es sind nicht die ruhigen Nerven, die ihm manche attestieren, sondern es ist eher ein allzu heißes Verlangen, das den Kanzler den Freiheitlichen zutreibt. Wenn er mit ihnen Gespräche aufnimmt, will er sie nicht mit einem Spickzettel abspeisen, den er Kassasturz nennt. Die Knittelfelder will er nicht papierln. Diesen Blattschuss hatte er sich für die Sozialdemokraten aufgespart, und noch während der Sondierungen wurden rote Beamte abgesetzt. Doch nun ist alles anders; kein blauer Parteigänger braucht um seinen Posten zu zittern.

Nichts hätte gegen eine Koalition zwischen einer gemäßigt bürgerlichen und einer grünen Partei gesprochen. Die Sitzungen sollen gut gelaufen sein, bis Schüssel klar machte, dass die Volkspartei ihre Positionen nicht mäßigen würde.

Die Freiheitlichen sind, wer wollte dies leugnen, Wolfgang Schüssels wahre Leidenschaft. An ihnen kann er eben nicht vorbei. Bereits 1995 drängte es ihn zu SchwarzBlau. In jenem Sommer, wenige Monate nachdem er Parteiobmann geworden war, erklärte er zum ersten Mal eine Koalition mit den Freiheitlichen sei für ihn vorstellbar. Im Herbst erzwang er Neuwahlen, doch seine Pläne scheiterten damals an Vranitzkys

Erfolg und Haiders Auftritt in Krumpendorf. Gewiss, die Freiheitlichen sind nun schwächer als im Feber 2000,doch andererseits wird kaum jemand behaupten wollen, nach Knittelfeld wäre die Fraktion zahmer geworden.

Aber der Kanzler fühlt sich nicht jenen verbunden, die für ihn stimmten, weil er nach Monaten der Grabesstille die Koalition endlich aufkündigte. Im Gegenteil; er hat Gefallen an den Freiheitlichen gefunden. Ihre Übergriffe, ob in der Justiz, der Sozialversicherung oder in der Verstaatlichten, stören ihn gar nicht, er nutzt sie lediglich zur Ausweitung eigener Macht. Bald wird in Kärnten gewählt, und die Klagenfurter Exzesse werden weiterhin zum Alltag in Wien gehören.

Schwarz-Blau bleibt die zwielichtige Geschichte vom Doppelleben des "Dr. Schüssel und Mr. Haider". Nur jene, die uns von Schüssels Geschick und Genialität plauschten, sind in den letzten Wochen ein wenig verstummt. Vielleicht war der Kanzler nie, wie manche uns glauben machen wollten, jener schwindelfreie Artist, der alle politischen Fallhöhen kühl meistert. Er erinnert vielmehr an einen Somnambulen, mithin an keinen Akrobaten, sondern an einen, der ruhig über Dächer und Gesimse steigt, ohne zu taumeln, und zwar weil er schläft. Er wirkt gelassen, ist hingegen traumverloren.

Wichtig ist die Erkenntnis, dass sich solch einer bloß geradeaus bewegt. Selbst wenn der Weg zu Ende ist. Und wehe, er wird aufgeweckt. So gleicht der Kanzler einem dieser Nachtwandler, der irrtümlich zum Seiltänzer verklärt wurde. Nun klammert er sich an den Schornstein und weiß noch nicht, wie ihm geschieht. (DER STANDARD, Printausgabe, 22./23.2.2003)

Doron Rabinovici ist Schriftsteller und Historiker, lebt in Wien.
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