Was heißt hier "Hochzeit"?

21. Februar 2003, 17:57
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fragt sich Alfred Pfabigan im Kommentar der anderen - Ihn erinnert das an die skandalträchtigste Hochzeit der Kulturgeschichte: jene zwischen Ödipus und seiner Mutter Iokaste

Aus unerfindlichen Gründen hat sich in der öffentlichen Diskussion rund um die Regierungsbildung die eigenartige Metapher von der "Hochzeit" etabliert. Grund genug, an die wohl skandalträchtigste Hochzeit der Kulturgeschichte zu erinnern - die zwischen Ödipus und seiner Mutter Iokaste.

Nachdem das Orakel von Delphi dem Ödipus prophezeit hatte, dass er seinen Vater erschlagen und mit seiner Mutter eine verabscheuungswürdige Nachkommenschaft zeugen würde, wollte er alles besonders gut machen und verließ das Königspaar, das er für seine Eltern hielt. Leider erschlug er bei der nächsten Kreuzung einen ihm unbekannten aggressiven Wagenlenker. Da er bald danach heldenhaft die männermordende Sphinx besiegte, belohnte man ihn mit der Hand der jüngst verwitweten Königin Iokaste. Eine Pest, die Theben befiel, enthüllte das furchtbare Geheimnis - das, was eigentlich keiner wollte: König Ödipus war der Gatte seiner Mutter, der Bruder seiner Kinder und der Mörder seines Vaters. Weil alle Beteiligten sich so intensiv bemüht hatten, genau das zu verhindern, was sich letztlich ereignete, nannten die Griechen das einen tragischen Konflikt.

Sigmund Freud scheint das anders gesehen zu haben und hat seine bekannteste Entdeckung den Ödipus-Komplex genannt: Jeder heranwachsende Knabe begehre nun einmal die Mutter, und dass Ödipus die seine gar geheiratet hatte, machte ihn zum würdigen Namensgeber dieses Begehrens. Seither wird das großspurige Wort "Tragik" vermieden, die Versuche des Ödipus, der Prophezeiung zu entgehen, stehen im Verdacht, Ablenkungsmanöver eines schon lange gehegten Projekts zu sein. Modern formuliert: Die "Optik" rund um diese Ehe sieht gar nicht gut aus.

So geht es auch dem Wolfgang Schüssel. Dass er die Kärntner Sphinx besiegt hat, ist vergessen - er wird die Iokaste Herbert Haupt freien, und Freuds Nachfolger werden ihm jetzt nachweisen, dass er das schon immer wollte. Scheinbar hat das Orakel, das seinen Sitz von Delphi in die Zeitungsredaktionen verlegt hat, wieder einmal seine Zuverlässigkeit bewiesen.

Scheinbar, denn zwischen dem mythologischen Theben und dem modernen Österreich gibt es wohl gravierende Unterschiede. Was auch immer die selbst ernannten Analytiker an Wolfgang Schüssel diagnostizieren - etwa einen aus dem Theoriefundus des Alfred Adler stammenden "Willen zur Macht" als Kompensation eines "Minderwertigkeitskomplexes" -, die Ereignisse in den diversen Sondierungen und Verhandlungen sind nicht mit der schicksalhaften Mechanik abgelaufen wie weiland in Theben.

Selbst jene, die Schüssel einen "Machttrieb" attestieren, werden ihn nicht mit so im wahrsten Sinne des Wortes "unwiderstehlichen", naturereignishaften Machtmenschen wie Hitler oder Stalin gleichsetzen. Wir leben in einer Demokratie, und wer sich ernsthaft der Parole "Alles, nur nicht Schwarz-Blau" verpflichtet fühlte, hätte es wohl in der Hand gehabt, diese Hochzeit zu verhindern.

Kommt "Schwarz-Blau", dann ist diese Regierung das Resultat einer klassischen "Selffulfilling Prophecy". Wer an einer solchen mitwirkt, der trägt einen guten Teil an Verantwortung an dem Ergebnis und sollte sich der Häme enthalten.

Geschichtliche Ereignisse, so Hegel, würden sich gelegentlich zweimal ereignen: einmal als Tragödie, dann als Farce. Vielleicht war die letzte Regierungsbildung eine Tragödie und Österreich wurde - wie Theben mit der Pest - mit den so genannten Sanktionen bestraft. Doch wenn Ödipus ein zweites Mal Iokaste heiratet, dann hört die Tragödie auf, und die Parodie beginnt.

Der Szene, in der jene, die das "Ehehindernis" kennen, den "Brautführer" machen, eignet ein unwiderstehlich komisches Potenzial. Eine Neuauflage des "Widerstandes" ist nur mehr als Pointe denkbar. (DER STANDARD, Printausgabe, 22./23.2.2003)

Alfred Pfabigan lehrt Sozialphilosophie und Politologie an der Universität Wien.
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