Teure Freizeitunfälle

21. Februar 2003, 19:32
15 Postings

Wirtschaftskammer will die Unternehmer entlasten und die Versicherungsbeiträge der Arbeitnehmer erhöhen - mit Infografik

Wien - Drei Viertel der jährlich 805.000 Unfälle passieren laut Institut Sicher Leben in der Freizeit. Die Kosten dafür von rund zwei Mrd. Euro zahlen aber nicht nur die Versicherten, sondern zu einem hohen Anteil auch die Unternehmer über ihre Dienstgeber-Beiträger zur gesetzliche Kranken- und Unfallversicherung. Genau dagegen protestiert die Wirtschaft und verlangt einmal mehr eine Änderung.

Zumal die Unternehmer die Allgemeine Unfallversicherung (AUVA) zur Gänze bezahlen. Die Dienstgeber zahlen jährlich 1,4 Prozent (eine Milliarde Euro) der Bruttolohnsumme in die Unfallversicherung (für Arbeitsunfälle). Stein des Anstoßes ist nun folgender: Die AUVA ist nicht nur Versicherungsanstalt, sondern auch Spitalserhalter. Zu ihr gehören das Lorenz Böhler, das Meidlinger Unfall, die Unfallkrankenhäuser in Linz, Salzburg, Graz, Klagenfurt, im steirischen Kalwang sowie vier Rehab-Zentren. In diesen Spitäler, ausschließlich aus Dienstgeber-Beiträgen finanziert, werden aber mit 67 Prozent weit mehr Privatunfälle behandelt als Arbeitsunfälle, die nur 20 Prozent ausmachen.

Dazu kommt, dass die Krankenversicherung (wird je zur Hälfte aus Beiträgen von Dienstgebern und Dienstnehmern finanziert) der AUVA für die Behandlung der Freizeitunfällen bei weitem nicht die vollen Kosten ersetzt. So kostet ein stationär behandelter Patient der AUVA pro Tag 436 Euro, die Krankenkasse refundiert aber nur 116 Euro. Die ambulante Behandlung kostet der AUVA pro Tag 160 Euro, refundiert werden 102 Euro.

Fehlbetrag

Aus der Behandlung von Freizeitunfällen entstand der AUVA im Vorjahr ein Fehlbetrag von 100 Mio. Euro. Genau hier hakt der stellvertretende Generalsekretär der Wirtschaftskammer, Reinhold Mitterlehner, ein. Um die Lohnnebenkosten für die Unternehmer zu senken, sollten deren AUVA-Beiträge von jährlich 1,4 Prozent der Bruttolohnsumme auf 1,2 Prozent gesenkt wer 4. Spalte den. Das brächte den Betrieben eine Entlastung von 120 bis 130 Mio. Euro jährlich.

Umgekehrt sollten alle Arbeitnehmer einen "leicht erhöhten Krankenversicherungsbeitrag von 0,1 Prozent zahlen, was auch in etwa 100 Mio. Euro bringt. Mitterlehner versteht das "als Zuschlag für alle Versicherten, quasi als Abgeltung für die Freizeitunfälle". Außerdem schlägt der ÖVP-Politiker vor, die unterschiedlichen Beitragssätze zur Krankenversicherung Arbeitern (7,6 Prozent), Angestellten (6,9 Prozent), Beamte 7,5 Prozent) und Bauern (6,5 Prozent) auf einen Durchschnittssatz von rund 7,2 Prozent zu vereinheitlichen. Gut möglich, dass auch die Beitragssätze der Pensionisten (3,75 Prozent) auf dieses Niveau angehoben werden, zumal sie aufgrund der ständig steigenden Lebenserwartung einen erklecklichen Teil der Leistungen in Anspruch nehmen.

Risikogruppen

Nicht realistisch sind die immer wieder genannten Zuschläge auf Sportgeräte, weil sie vor allem rechtlich kaum machbar wären, sagen Experten. Das gleiche gilt für die Herausnahme von Risikogruppen wie Raucher oder Extremsportler aus der Krankenversicherung - wer gibt schon an, dass er Paragleiter ist? Und Raucher sind zumindest für die Pensionsversicherung "die beste Risikogruppe, schließlich sterben sie rund zehn Jahre früher", so die süffisante Bemerkung eines Experten. Alles in allem wäre die Prämie einer privaten Krankenversicherung sehr hoch, schließlich müssen die Assekuranzen Gewinn machen.

Der Obmann der AUVA, Helmut Klomfar, weist außerdem darauf hin, dass der Großteil der Freizeitunfälle im Haushalt passieren und Sportarten wie Rafting, Paragleiten, Schifahren oder Fußball nur einen geringen Prozentsatz der Freizeitunfälle verursachen. Faktum ist auch, dass die Arbeitsunfälle stetig sinken, die Freizeitunfälle aber auf hohen Niveau stagnieren. Die Arbeitsunfälle sanken, weil sich die Berufswelt geändert hat und nicht zuletzt wegen der präventiven Maßnahmen der AUVA. Karl Grillitsch, Statistiker im Hauptverband der Sozialversicherungsträger sieht das Finanzierungsproblem der Krankenversicherung dennoch nicht bei den Freizeitunfällen, sondern bei den Medikamentenpreisen: Diese stiegen zwischen 1992 und 2002 um 97 Prozent auf 2,2 Mrd. Euro. Allein im Vorjahr waren es plus 6,7 Prozent. (Claudia Ruff, DER STANDARD, Printausgabe 22.2.2003)

  • Unfallgeschehen in Österreich - Grafik zum Vergrößern anklicken.
    grafik: derstandard

    Unfallgeschehen in Österreich - Grafik zum Vergrößern anklicken.

Share if you care.