Laut Experten noch mehr Wechselwähler als 2006

24. August 2008, 09:35
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Grund: Unzufriedenheit mit Großparteien und großes Angebot

Wien - Bei der Nationalratswahl im September dürfte die Zahl der Wechselwähler weiter ansteigen. Zwar war deren Zahl laut Meinungsforschern schon bei der vergangenen Wahl 2006 sehr hoch, die
zunehmende "Zerbröckeln der Lagerbindung" sowie die Unzufriedenheit mit den Großparteien SPÖ und ÖVP und das diesmal große Angebot an antretenden Parteien dürfte zu einer weiteren Zunahme der Wählerbewegungen führen.

Ulram: Wechselwähleranteil von 26 Prozent

Laut Peter Ulram vom Meinungsforschungsinstitut Fessel & GfK gab es 2006 einen Wechselwähleranteil von 26 Prozent. Er gehe davon aus, dass es diesmal "etwas mehr" werden, "durchaus bis zur 30 Prozent-Marke oder darüber". Die Gründe sieht er im Antreten mehrerer Parteien.

Laut Palmes gibt es viele Wähler "mit zwei Parteien im Herzen". Deren Entscheidung hänge von "kleineren Dingen" ab. Viele würden auch gerne eine Koalitionsvariante wählen, daher seien viele
Wahlentscheidungen taktisch bedingt. Da aber keine Partei eine verbindliche Koalitionsaussage treffen werde, würden die Wähler "ziemlich im Dunkeln tappen". Sie sieht die Zunahme an

Unentschlossenen auch im "Zerbröckeln der Lagerbindung" bedingt: "Die Stammwählerschaft nimmt nicht mehr dieses abrufbare Masse ein". Außerdem sei das parteipolitische Angebot größer, die Chancen für das LIF oder die Liste Dinkhauser für einen Einzug in den Nationalrat seien gegeben.

Hajek: Wechselwähleranteil bis zu 25 Prozent

Wolfgang Bachmayer (OGM) schätzt den Anteil der Unentschlossenen mit gut einem Drittel; besonders viele Unentschlossene ortet er in der Kernwählerschicht der SPÖ. Peter Hajek (Public Opinion Strategies) schätzt den Wechselwähleranteil auf 20 bis 25 Prozent. Tatsache sei laut Bachmayer, dass "sich unglaublich viel bewegen kann". Daher sei jede Aussage über einen möglichen Ausgang der Wahl "äußerst spekulativ".

Inhaltlich sehen die Demoskopen das Thema Teuerung an der Spitze. Dies werden "Grosso modo" das Hauptthema sein, das soziale Element werde den Wahlkampf beherrschen, so Hajek. Da passe viel hinein, etwa das VP-Thema Familie, die SP-Klientel der "kleinen Arbeiter" oder das Ausländerthema. Für Hofinger haben sich die Parteien in ihren inhaltlichen Positionierungen "noch nicht sehr weit vorgewagt". Schwierig sei für die Wähler, zu unterscheiden, welche Strategien zurTeuerungs-Bekämpfung es gebe und welche schlüssig seien.

Eine gewissen Rolle spielen dürfte wohl auch wieder das sogenannte "Negative Campaigning". Zwar weisen Bachmayer und Hajek darauf hin, dass dieser Bereich - etwa im Vergleich mit den USA - eine untergeordnete Rolle spielt, für Bachmayer ist Österreich in diesem Punkt ein "Entwicklungsland". Ulram meint dennoch, dass dieser Trend "von Wahl zu Wahl stärker werden wird". Der Damm sei 2006 gebrochen worden, und es funktioniere, so seine Begründung. Negative
Campaigning sei zulässig, er plädiere da "für mehr Gelassenheit", erklärte Hajek, von einem "Dirty Campaigning" wie in den USA sei man weit entfernt.

"Vorwurf der Neinsager und der Kaltherzigkeit"

Dass die scheidenden Koalitionspartner SPÖ und ÖVP knapp vor der Wahl noch mehrere Projekte (Stichwort Pflegegelderhöhung und 13. Familienbeihilfe) umsetzen wollen, ist für die Meinungsforscher nicht ungewöhnlich. Laut Bachmayer will die ÖVP damit nicht wieder ihre Fehler der vergangenen Jahre wiederholen, in denen sie sich den "Vorwurf der Neinsager und der Kaltherzigkeit" gefallen habe lassen müssen. Daher habe sich die Volkspartei dort, wo sie Angriffe
erwarten hätte können, öffnen müssen.

Botschaft: "Wenn man will, geht alles miteinander"

Dahinter stecke eine klar sichtbare Strategie mit der Botschaft: "Wenn man will, geht alles miteinander". SP-Spitzenkandidat Werner Faymann wiederum gehe wiederum nicht auf Konfrontation, und fordere nicht mehr, sondern sage, "gut, schön dass ihr lernt", so Bachmayer.
Er sieht darin "vielleicht auch eine Vorleistung auf erneute Große Koalition". Hofinger sprach von einer "win-win-Situation", man wirke damit dem Vorwurf, während der Legislaturperiode nichts
zusammengebracht zu haben, entgegen.

Für Bachmayer kommt mit dem Ende der Urlaubszeit und dem Abschluss der olympischen Sommerspiele die entscheidende Phase des Wahlkampfes. Jetzt würden die Bürger ihre Aufmerksamkeit den Parteien zuwenden, entscheidend sei, wer in "dem jetzt beginnenden Konzert das beste Instrument spielt". Auch die TV-Debatten, die am vergangen Freitag
mit dem Duell Strache - Haider angelaufen sind, werden einen Rolle spielen, sind sich die Experten einig. (APA)

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