Das schöne Gefühl, Geschichte zu schreiben

24. August 2008, 07:04
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Der erst 21-jährige Samuel Wanjiru holte das erste Marathongold für die Dauerläufer-Nation Kenia. Erstmals liegt das Land in der Medaillenbilanz vor Erz-Nachbar Äthiopien

Peking - Es ist erstaunlich, aber es ist so: die Long-Distance-Runner-Nation Kenia hat noch nie einen olympischen Marathonlauf für sich entscheiden können, da waren die Nachbarn aus Äthiopien stets eine Spur zu schnell. Seit Sonntag ist das - aus kenianischer Sicht: endlich - anders.

Der erst 21-jährige Samuel Wanjiru, Weltrekordhalter über die Halbmarathon-Distanz, holte sich in Peking in der olympischen Rekordzeit von 2:06:32 Stunden das erste kenianische Marathongold der Geschichte. Er unterbot bei Temperaturen von bis zu 30 Grad die 24 Jahre alte Bestmarke des Portugiesen Carlos Lopes um fast drei Minuten. Der zweimalige Weltmeister Jaouad Gharib aus Marokko lief in 2:07:16 zu Silber, die Bronzemedaille ging an den ebenfalls erst 21 Jahre alten Äthiopier Tsegay Kebede (2:10:00).

Wanjiru, der seinen Wohnsitz seit 2002 in Japan hat, freute sich naturgemäß, "dass ich das erste Gold für Kenia geholt habe", und dafür "danke ich Gott". Tatsächlich scheint der ein wenig die Hand mit im Spiel zu haben. Nicht nur, dass Wanjiru erstaunlich jung für einen Langstreckenläufer ist. Die Marathonstrecke hat er erst im Dezember überhaupt in Angriff genommen. In Fukuoka lief er damals 2:06:39 - auch das wäre schon Gold gewesen. Kein Wunder, dass der Olympiasieger sich unmittelbar nach dem Olympiasieg schon ein neues Ziel setzte: "Jetzt will ich den Weltrekord nach Kenia holen."

Der steht bei 2:04:26. Aufgestellt wurde er im vergangenen September in Berlin vom Äthiopier Haile Gebrselassie. Der verzichtete auf den Pekinger Marathon, ihn ängstigte der Smog über der chinesischen Hauptstadt.

Mag sein, das war mit ein Grund dafür, dass Kenia in der Medaillenbilanz diesmal den Nachbarn überflügeln konnte: Fünf kenianische zu vier äthiopischen Goldenen, unter diesen immerhin das Double über 5000 und 10.000 Meter durch Kenenisa Bekele. Auf allen längeren Laufdistanzen haben Kenianer schon zugeschlagen, zwischen 1968 und 2008 holte man immerhin 20 einschlägige Goldmedaillen. Nur eine fehlte noch.

"Wir haben in Kenia schon viele Olympiamedaillen. Aber diese ist etwas ganz Besonderes. Geschichte zu schreiben, das ist ein wunderschönes Gefühl."

Ein Gefühl, das aber genügend Raum und Zeit lässt für schöne sportliche Gesten. Nachbarschaftsrivalität hin oder her: Während des Rennens teilte Wanjiru die Trinkflasche brüderlich mit dem späteren Bronzenen Kebede. Denn: "Er ist ein guter Freund." (sid, wei - DER STANDARD PRINTAUSGABE 25.8. 2008)

Leichtathletik - Marathon, Männer:
1. Samuel Wanjiru (KEN) 2:06:32 Std. (Olympischer Rekord) - 2. Jaouad Gharib (MAR) 2:07:16 - 3. Tsegaye Kebede (ETH) 2:10:00 - 4. Deriba Merga (ETH) 2:10:21 - 5. Martin Lel (KEN) 2:10:24 - 6. Viktor Röthlin (SUI) 2:10:35 - 7. Gashaw Asfaw (ETH) 2:10:52 - 8. Yared Asmeron (ERI) 2:11:11

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    Samuel Kamau Wansiru nach 2:06:32 Stunden und mit neuem olympischen Rekord im Ziel.

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    Peking feiert Wansiru

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