Zwei Männer, ein Ziel

25. August 2008, 06:48
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Joe Biden wird Barack Obamas Vize-Kandidat, dieser soll den republikanischen Widersacher John McCain in Schach halten

Mit der Nominierung Joe Bidens als Vizepräsidentschaftskandidat hat sich Obama nicht nur einen erfahrenen Außenpolitiker an seine Seite geholt, Biden soll mit rhetorischen Angriffen auch den Republikaner John McCain in Schach halten. Am Wochenende gab es die erste Kostprobe.

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Mächtige Säulen aus verwittertem Stein. Eine karge Bühne, gewollt altmodisch. Sie soll an Abraham Lincoln erinnern, den berühmtesten Politiker, der jemals in Springfield, der Stadt im Mittleren Westen der USA, wirkte.

Es ist dieselbe Kulisse wie vor 19 Monaten, als Barack Obama vor dem Old State Capitol in Springfield, Illinois, seine Kandidatur fürs Weiße Haus bekanntgab. Nur klirrte damals die Februarkälte, während diesmal die brütende Augusthitze für Schweißbäche sorgt. Obama ist gekommen, um vor 35.000 Versammelten seinen "Running Mate" vorzustellen, den Mann, der das Amt des Vizepräsidenten anstreben soll. Er tut es so enthusiastisch, dass ihm ein lustiger Versprecher unterläuft. Im Überschwang nennt er Joe Biden "den nächsten Präsidenten", bevor er sich schnell korrigiert: "den nächsten Vizepräsidenten der Vereinigten Staaten".

Am Ende einer Woche heftigsten Rätselratens präsentiert Obama einen Bewerber, der zuletzt bei jeder Spekulationsrunde zum engeren Favoritenkreis gehört hatte. Er wählt einen Weißschopf, der seine Partei nicht unbedingt zu Begeisterungsstürmen hinreißt, aber das markanteste Manko Obamas ausgleichen kann: mangelnde Erfahrung. Außerdem kennt Biden den republikanischen Widersacher so gut, wie es kaum ein anderer Politiker von sich behaupten kann. "Uncle Joe" ist Außenpolitiker wie John McCain, er kann jeden Schachzug des Kontrahenten deuten. Jetzt soll er ihn entzaubern.

Anruf kam beim Zahnarzt

"Ich kenne John seit 35 Jahren", sagt Biden in Springfield. "Er hat unserem Land mit außergewöhnlichem Mut gedient, und ich weiß, er will Amerika Gutes tun." Der kurzen Laudatio folgt eine schneidende Attacke: "Aber die Wahrheit ist, meine Damen und Herren, Sie können Amerika nicht ändern, wenn Sie damit prahlen, dass Sie mit Präsident Bush völlig übereinstimmen. Sie können Amerika nicht ändern, wenn Sie George Bushs Politik in 95 Prozent aller Fälle unterstützen."

Der joviale Veteran, so viel wird schon bei der Premiere klar, soll im Finale des Wahlduells einen harten Strauß mit seinem Kumpel McCain ausfechten. Er soll Obama ermöglichen, sich ganz auf die positive Botschaft von Wandel und Erneuerung zu konzentrieren.

Glaubt man der New York Times, dann traf Obama die Entscheidung zugunsten Bidens am vergangenen Donnerstag. Biden erfuhr es, als er beim Zahnarzt saß.

Den Ausschlag soll gegeben haben, dass er in einer internationalen Krise mit seinen außenpolitischen Pfunden wuchern konnte. Als eine Art Feuerwehrmann war Biden nach Georgien gereist, um nach dem Vormarsch russischer Truppen die Lage zu sondieren. Dies soll Obama endgültig überzeugt haben, dass er in kniffliger Weltlage einen erfahrenen Strategen wie Biden an seiner Seite braucht, um das harte Duell mit dem außenpolitisch versierten McCain zu bestehen. Zudem beeindruckte ihn die Biografie des leidgeprüften Mannes, Bidens eiserner Wille, sich nach Schicksalsschlägen wieder aufzurappeln.

Anfang Juli, als der Ausleseprozess ernsthaft begann, hatte Obamas Team vier Kandidaten in die engere Wahl gezogen. Neben Joe Biden waren es Evan Bayh, ein aufstrebender Senator aus Indiana, sowie zwei Gouverneure, Kathleen Sebelius (Kansas) und Tim Kaine (Virginia).

Hillary Clinton, die in den Primaries nur knapp den Kürzeren zog, soll dagegen nie ernsthaft in Betracht gezogen worden sein. Hartnäckig hält sich das Gerücht, dass sie bald auf Lebenszeit zur Höchstrichterin im Supreme Court gekürt werden könnte, falls Obama ins Oval Office einzieht. So etwas wie Enttäuschung oder gar Bitterkeit ließ Clinton bislang nicht erkennen, zumindest nicht in der Öffentlichkeit. An ihre Anhänger verschickte sie eine E-Mail, in der sie Biden überschwänglich gratulierte. (Frank Herrmann aus Washington/DER STANDARD, Printausgabe, 25.8.2008)

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    Barack Obamas Gattin Michelle am Rednerpult

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    Die Vorbereitungen für den demokratischen Parteitag im Pepsi Center in Denver, Colorado, laufen auf Hochtouren.

  • "Familienfoto" - Barack und Michelle Obama mit Jill und Joseph  Biden. 

    "Familienfoto" - Barack und Michelle Obama mit Jill und Joseph Biden. 

  • Obamas Running-Mate ist Joseph Biden: Seine Erfahrung in der Außenpolitik könnte Obama nutzen.
    AP Foto: J. Scott Applewhite, File

    Obamas Running-Mate ist Joseph Biden: Seine Erfahrung in der Außenpolitik könnte Obama nutzen.

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