Der Wir

22. August 2008, 19:52
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Was den Herausgeber der "Kronen Zeitung" so angenehm von den meisten Politikern dieses Landes unterscheidet, ist, dass er immer offen und ehrlich ausspricht ...

Was den Herausgeber der "Kronen Zeitung" so angenehm von den meisten Politikern dieses Landes unterscheidet, ist, dass er immer offen und ehrlich ausspricht, was die Peristaltik seiner Gehirnwindungen an Tiefsinn produziert. Da gibt es kein Gesudere. So schrieb er am Dienstag: Unsere Leserbriefe werden natürlich besonders pfleglich behandelt. Nicht dass das eine Neuigkeit wäre, aber gerade in Zeiten wie diesen kann man die pflegliche Behandlung von Leserbriefen nicht genug betonen, denn: Wir zeigen damit deutlich, dass wir alle, die unsere "Krone" lesen, an dieser weitaus größten Zeitung unseres Landes mitgestalten lassen. Jedenfalls im Rahmen der von besagtem Wir vorgegebenen Richtlinien. So durfte die Außenministerin an dieser weitaus größten Zeitung unseres Landes mitgestalten, musste sich dabei aber die Zensur des pfleglichen Behandlers gefallen lassen, was sich aus dessen Verantwortung für unser Land von selbst ergab. Endlich einmal zensuriert das Volk die Politiker statt umgekehrt.

Nun hat sich allerdings ergeben, fuhr Österreichs Landpfleger fort, dass unsere Leser empört darüber sind, wie sehr führende Funktionäre der ÖVP, denen es nur um die Verbesserung ihrer persönlichen Positionen in der EU geht, eine Politik machen, mit der die große Mehrheit der Österreicher nicht einverstanden sein kann.

Wie sich so etwas eben ergibt, ohne dass man etwas dazutun müsste. Interessant, dass es nur führende Funktionäre der ÖVP und die keiner anderen Partei sind, die mit ihrer Selbstsucht die große Mehrheit der Österreicher gegen sich aufbringen. Der Herold der großen Mehrheit beruft sich zwar bescheiden auf drei Millionen Leser, von denen ihm nur wenige ihre Briefe zur pfleglichen Behandlung anvertrauen, von denen wiederum ein nicht unerheblicher Teil catonisch konzessionierte Fixbeiträger sind, weshalb es auch für den Wir kein Kunststück ist, angesichts von etwa acht Millionen Landeskindern aus diesem Häufchen die große Mehrheit der Österreicher zu destillieren. Die SPÖ hat damit kein Problem.

Die Empörung der großen Mehrheit der Österreicher über die führenden Funktionäre der ÖVP provoziert geradezu die Frage: Was können wir gegen eine solche Wahnsinnspolitik tun? Und da taucht ein ernstes Problem auf. Natürlich geht das nicht ohne Politiker. Kein Regierungssystem ist eben vollkommen, aber das darf kein Anlass zur Resignation sein: So müssen wir den Mut zu einer Wende haben, die allerdings nur mit neuen Gesichtern in der Politik möglich sein wird. Aber woher nehmen? Dabei denken wir nicht an eine bestimmte Partei, sondern daran, dass wir geeignete Politiker mit Mut und Ideen aus den bestehenden Parteien finden müssen.

Schon gefunden! In der Not frisst der Wir den Faymann, wenn es in der bestehenden Volkspartei nun einmal keinen geeigneten Politiker mit Mut und Ideen gibt. Aber noch glüht ein Fünkchen Hoffnung. Wir glauben, dass es solche Menschen in der Politik oder auch am Rande der Politik gibt, Gruppen, die sich jetzt unter der existentiellen Bedrohung unseres Staates zusammenschließen. Am besten unter der Führung des Wir. Daher ein Appell: Helfen Sie uns dabei, das ist alles, was wir in diesen Schicksalstagen wünschen und was uns, wie ich - wieso auf einmal nicht mehr wir? - fest überzeugt bin, auch gelingen wird.

Ein Aufruf, der durch Mark und Bein geht. Erinnert irgendwie an "Volk steh auf, und Sturm brich los!", aber schließlich gilt es ja auch, sich jetzt unter der existentiellen Bedrohung unseres Staates zusammenzuschließen.

Doch was tun führende Funktionäre der ÖVP in diesen Schicksalstagen? Donnerstag trat der Bauchredner mit seiner Puppe Peter Gnam auf. Die ÖVP sei die einzige Partei, die das Regieren beherrsche, empörte sie sich über Minister und Rabattreklamierer Martin Bartenstein. Wo die "Krone" das Regieren doch schon Faymann versprochen hat! Schlimmer noch. Bartenstein hat auch Josef Pröll gerüffelt, der sich im ORF in seiner Beurteilung der Rolle der "Krone" im Wahlkampf eher zurückgehalten hat. "Mit einer Stimme zu sprechen" habe in Sachen "Krone" die ÖVP, so Bartenstein.

Das kann nur eines heißen. Das heißt im Klartext wohl, dass die ganze ÖVP zur Hetze gegen die "Krone" und ihren Herausgeber aufgerufen ist. Schon wieder ein Kulturdelikt eines führenden Funktionärs der ÖVP, genau genommen eine Hetze gegen das österreichische Volk, dessen große Mehrheit doch mit der "Krone" verschweißt ist. Gnade der ÖVP, wenn sie diesem Bartenstein folgt!

Da kennt die Volksgemeinschaft des Wir kein Erbarmen.(Günter Traxler, DER STANDARD; Printausgabe, 23./24.8.2008)

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