Flüchtlingsschicksale

22. August 2008, 19:32
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Was verbindet den aus dem Sudan stammenden Fahnenträger der US-Olympioniken in Peking mit einem kosovarischen Asylwerber in Oberösterreich? - ein Kommentar der anderen von Michael Chalupka

Ein integrationspolitisches Lehrstück.

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Heute vor drei Wochen: Es ist der Tag der Eröffnung der Olympischen Spiele. In aller Früh höre ich in den Nachrichten auf Ö1 zwei Meldungen, die zwar vordergründig nichts miteinander zu tun haben, aber gegensätzlicher nicht sein könnten: Der frühere sudanesische Flüchtling Joseph Lopez Lomong wird die US-Flagge beim Einzug in das Olympiastadion tragen; und in Gallneukirchen in Oberösterreich sind zwei gut integrierte Familien von der Abschiebung bedroht. Der Bürgermeister Walter Böck (ÖVP) und die ganze Gemeinde stehen hinter ihnen, das Innenministerium bleibt hart.

Die US-Athleten setzten mit der Nominierung des Leichtathleten Lopez Lomong als Fahnenträger ein starkes politisches und menschenrechtliches Zeichen, gehört doch die Volksrepublik China zu den konsequentesten Unterstützern des Regimes im Sudan, das für Morde und Vertreibungen verantwortlich zeichnet.

Was verbindet diesen Lopez Lomong, geflohen aus dem Sudan, mit "unserem" Izjadin Pacolli, Flüchtling aus dem Kosovo? Beide sind vor rund sieben Jahren in den Westen gekommen, beide haben darum gekämpft, ihre Träume wahrzumachen, beide haben in ihrer jeweiligen Gemeinde breite Unterstützung gefunden: Lopez Lomong als Ziehsohn bei einer Pflegefamilie in Tully, im Bundesstaat New York, zugehörig der katholischen Pfarrgemeine St. Leo, und Izjadin Pacolli mit seiner Familie in der Stadtgemeinde Gallneukirchen in Oberösterreich sowie deren katholischer und evangelischer Pfarrgemeinde. Beide sind Musterbeispiele gelungener Integration.

Was unterscheidet Lopez Lomong, Flüchtling aus dem Sudan, und Izjadin Pacolli, geflohen aus dem Kosovo? Lopez Lomong ist auf der Basis einer US-Regierungsinitiative ("Lost Boys Program") ins Land gekommen, Izjadin Pacolli als Asylwerber mit unsicheren Aussichten. Gemeinsam mit 20.000 anderen jungen Sudan-Flüchtlingen wurden für Lopez Lomong Integrationsmaßnahmen maßgeschneidert, eine Pflegefamilie gesucht und eine Gemeinde, die die Integration unterstützt. Izjadin Pacolli hat sich und seine Familie durch ein Asylverfahren geschlagen, das nach vielen mühsamen Jahren damit endete, dass die Asylanträge - und zuletzt auch das Ansuchen um humanitären Aufenthalt - abgelehnt wurden.

Lopez Lomong ist seit 2007 amerikanischer Staatsbürger, Izjadin Pacolli steht gemeinsam mit seiner Familie vor der Abschiebung.

Natürlich wäre Lopez Lomong auch in Österreich schon Staatsbürger, denn bei erfolgreichen Sportlern geht die Einbürgerung auch hierzulande überaus rasant - allerdings wäre er gar nicht erst nach Österreich gekommen, da die hiesige Verwaltung solche Programme der freiwilligen Aufnahme schutzsuchender Asylwerber seit der Kosovokrise nicht mehr kennt. Und selbst wenn er es geschafft hätte, wäre er wohl kaum zum Spitzensportler avanciert: In den Unterkünften der Grundversorgung ist für Sportförderung wenig Platz.

Es lohnt sich, den Weg von Lopez Lomong genauer anzusehen: Er wurde im Sudan geboren und im Alter von sechs Jahren von den Dschandschawid-Milizen gemeinsam mit anderen Kindern verschleppt. Nach drei Wochen unter schlimmsten Bedingungen gelang es ihm, aus dem Camp zu fliehen. "Zu Essen gab es nur Hirsebrei, Trinkwasser war rar. Kinder sind jeden Tag gestorben. Wir krochen durch das Loch eines Zauns und fingen an zu rennen", schilderte Lomong dem TV-Sender ESPN.

Nach einem Irrweg von zwei Tagen durch die Wüste wurden sie von einer kenianischen Grenzpatrouille aufgelesen und ins Kakuma-Flüchtlingscamp gebracht. Zehn Jahre später erfolgte dann seine Aufnahme ins US- Flüchtlingsprogramm "Lost Boys"- als einer von 20.000.

Als Lopez Lomong als 16-Jähriger in die USA einreiste, hatte er keinen verpflichtenden Sprachkurs absolviert, aber es erwarteten ihn seine Pflegeeltern Barbara und Robert Rogers am Flughafen. Sie hatten sich auf ein Inserat in ihrem Pfarrblättchen gemeldet, in dem Pflegeeltern für die "Lost Boys" gesucht wurden. Sie konnten das auch tun, weil ihre Pfarrgemeinde in Tully hinter ihnen gestanden ist und sie unterstützt hat. Der ehemalige Gemeindepfarrer Aiello meinte gegenüber dem Post-Standard. "Es war einfach aufregend mitzubekommen, wie der junge Mann Teil unserer Gemeinschaft geworden ist. Robert und Barbara haben Großartiges für Lopez geleistet, aber sie haben genauso Großartiges für unsere Pfarre und Stadtgemeinde geleistet."

Auf Izjadin Pacolli und seine Familie hat niemand gewartet. Keine Integrationsmaßnahmen und keine Deutschkurse, sondern ein Asylwesen, das nach wie vor außerstande ist, in angemessener Zeit Entscheidungen zu treffen und Menschen wie Izjadin Pacolli, so ihnen kein Recht auf Asyl gewährt werden sollte, spätesten nach einem Jahr wieder in ihre alte Heimat zu bringen.

Weil die Politik versagt hat, hat Izjadin Pacolli in Österreich Wurzeln geschlagen, hat vieles von dem selbst geschafft, was Lopez Lomong von der US-Administration angeboten wurde.

Izjadin Pacolli hat Arbeit bei einer Reinigungsfirma gefunden, hat Deutsch gelernt und Freunde gefunden. Seine Kinder gehen in die Schule und sprechen besser Mühlviertlerisch als Albanisch. Bürgermeister Walter Böck (ÖVP), ein besonnener Mann, anerkennt die Integrationsbemühungen der Familie. Die Bezirkshauptmannschaft Urfahr hat ein Ansuchen auf Bleiberecht gestellt, das Innenministerium aber lehnt das Ansuchen mit der Begründung ab, dass die "klaren Kriterien", die dem Bleiberecht zugrunde lägen, nicht erfüllt wären, doch die "klaren Kriterien" bleiben im Dunkeln ...

Lopez Lomong kehrt als würdiger Olympionike (Semifinalist im 1500-m-Lauf) nach Tully im Staate New York zurück,

Izjadin Pacolli muss wohl mit seinen Kindern in den Kosovo zurück, wo die Arbeitslosigkeit unter Jugendlichen 80 Prozent beträgt. Und der Arbeitgeber von Herrn Pacolli muss sich eine neue Arbeitskraft suchen. Es wird wohl ein Ausländer sein im Reinigungsdienst. (DER STANDARD, Printausgabe, 23.8.2008)

 

Michael Chalupka ist evangelischer Pfarrer und Direktor der Evangelischen Diakonie und Vorsitzender des Flüchtlingsdienstes der Diakonie.

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