Der geteilte Ort: Parndorf im Bann des Outlet-Centers

22. August 2008, 19:36
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Das Factory-Outlet-Center erlebt einen anhaltenden Umsatzschwung. Raumplaner sehen das Shopping-Dorf auch zehn Jahre nach seiner Eröffnung als Fremdkörper

Die Gemeinde verdient gut daran.

Wien – Er selbst sei nicht in den kilometerlangen Stau rund um Parndorf geraten, sagt Thomas Reichenauer, Manager des Designer-Outlet-Centers im Burgenland. Er sei früh dort gewesen und bis spät am Abend geblieben. Punkt Mitternacht seien die letzten Kunden, die sich einmal jährlich das Nacht-Shoppen geben, abgereist. "Wir hatten den Verkehr heuer besser im Griff."

Reichenauer sieht das größte österreichische Outlet-Center fernab jeder Konsumflaute. Die Zahl der Kunden sei heuer um neun Prozent gestiegen, der Umsatz um rund elf Prozent. Vermutlich veranlasse die Teuerung viele Österreicher dazu, zu billigeren Markenprodukten zu greifen, meint Reichenauer; auch wenn diese überwiegend aus älteren Kollektionen stammten.

1200 Arbeitsplätze

Gut 20 Millionen Besucher zählte das Einkaufsdorf mit seinen 150 Läden seit der Eröffnung vor zehn Jahren auf der grünen Wiese. 1200 Arbeitsplätze entstanden. Bis 2010 wird das Einkaufsareal erneut erweitert, ein Hotel ist in Bau. Die wirtschaftliche Bilanz könne sich sehen lassen – aus Sicht der Raum- und Verkehrsplanung sei das Projekt aber "eine Katastrophe", urteilen Experten. Es fehle nach wie vor jede Anbindung an öffentliche Verkehrsnetze, sagt Bernd Schuh vom Institut für Raumplanung. In der Region sei es auch nach zehn Jahren ein Fremdkörper geblieben.

Rundum setze sich die Zersiedelung fort. Die Achse Wien-Bratislava werde in den kommenden 30 Jahren zu einem Siedlungsbrei mit all den damit verbundenen Infrastrukturproblemen, meint Schuh.

"Wenige profitieren"

Eigentlich hätte das Center nicht genehmigt werden dürfen, ist Thomas Macoun vom Institut für Verkehrsplanung überzeugt. Die Verkehrsanbindung nachträglich zu verbessern sei fast unmöglich und ein Shuttlebus ein Tropfen auf dem heißen Stein. Der Profit gehöre wenigen und rechtfertige nicht den Energieaufwand, den solch künstliche Strukturen im Niemandsland erforderten. Entscheidend sei nun, wie sich die steigenden Spritpreise auf das Shopping-Dorf auswirkten, sagt Macoun. Das Center könnte bald, bedingt durch die lange Anreise, einen schweren Stand haben.

Noch ist die Gemeinde Parndorf der Gewinner. Vor zehn Jahren ein unbeachtetes Dorf, wuchs es seither von 2100 auf 4000 Einwohner. Gut 6000 sollen es noch werden, so sieht es der Flächenwidmungsplan vor. Kaum ein anderes Städtchen in Österreich kann da mithalten.

Der alte Ortskern ist verschwunden

Die Gemeindekasse ist dank des Finanzausgleichs und wachsender Steuereinnahmen prall gefüllt. Das Wort "reich" will ihr Bürgermeister Wolfgang Kovacs von der Liste Parndorf dennoch so nicht in den Mund nehmen. Schließlich würden die Einnahmen umgehend in die Infrastruktur investiert. "Wir mussten allein unsere Schule von vier auf zwölf Klassen erweitern."

Das Outlet-Center habe dafür gesorgt, dass viele Frauen zum Arbeiten nicht mehr nach Wien pendeln mussten, sagt Kovacs. Etliche weiterer Betriebe hätten sich angesiedelt. "Dass wie in vielen anderen Dörfern der letzte Greißler und der letzte Wirt zusperrt – das alles gibt es bei uns nicht." Andererseits sei in Parndorf nichts mehr, wie es einmal war. Menschen aus 34 Nationen hätten sich angesiedelt. Der alte Ortskern sei verschwunden, die Heidelandschaft auf ein kleines Naturschutzgebiet reduziert. "Wir haben heute eine geteilte Gemeinde. Manche der älteren Einwohner kennen den neuen Ortsteil nicht." (Verena Kainrath, DER STANDARD, Print-Ausgabbe, 23./24.8.2008)

  • Gut 20 Millionen Besucher zählte das Outlet Center in Parndorf mit seinen 150 Läden seit der Eröffnung vor zehn Jahren. Am vergangenen Donnerstag gab es - so wie schon im Vorjahr (Bild) - wieder ein "Late-Night-Shopping" bis 23 Uhr.
    foto: standard/newald

    Gut 20 Millionen Besucher zählte das Outlet Center in Parndorf mit seinen 150 Läden seit der Eröffnung vor zehn Jahren. Am vergangenen Donnerstag gab es - so wie schon im Vorjahr (Bild) - wieder ein "Late-Night-Shopping" bis 23 Uhr.

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