Der olympische Pyrrhussieg

22. August 2008, 19:30
44 Postings

Die in Peking geweckten Hoffnungen werden in vielerlei Hinsicht enttäuscht werden - von Fritz Neumann

Unter dem Strich ein Erfolg. Diese Bilanz wird IOC-Präsident Jacques Rogge ziehen, wenn am Sonntag die Spiele der 29. Olympiade zu Ende gehen. Weil er diese Bilanz ziehen muss. Und wieder wird er versuchen, was das IOC versucht, seit Peking vor sieben Jahren den Zuschlag erhielt. Das Gefühl zu vermitteln, China werde uns näherrücken, sei uns nähergerückt. Das Gefühl, die Spiele hätten der Welt geholfen, sich ein Bild von China zu machen. Ein Bild, das nicht nur eine kommunistische Diktatur zeigt und natürlich mehr als ein Sportereignis. Um den Olympia-Slogan zu bemühen: eine Welt, ein Traum. Doch wie viel ist dran an diesem Gefühl, an diesem Bild?

Unter dem Strich ein Erfolg. Diese Bilanz ziehen natürlich auch Chinas Machthaber. Und viele Chinesen wollen gerne glauben, dass sie der Welt nähergerückt sind. Der mit aller Macht erzwungene Sieg im Medaillenspiegel ist den meisten vergleichsweise egal, mit Sportarten wie Gewichtheben oder Beachvolleyball können sie rein gar nichts anfangen. Nicht egal ist ihnen das Vorankommen, ihr Vorankommen, Pekings Vorankommen. Die Stadt ist stolz auf neue Bauwerke, nicht nur auf die vielen Stadien, bei denen man sich nach dem postolympischen Nutzen fragt. Nur das Vogelnest und der Water Cube werden tatsächlich als neue Wahrzeichen gesehen. Das war zu merken, als die Behörden endlich den Olympia-Park öffneten und tausende Pekinger kamen, staunten und fotografierten.

Unglaublich aktiv sind die jungen Chinesen im Internet, unzählige führen eigene Weblogs. Hier gibt es, aufgrund relativer Anonymität und riesiger Internetcafés, bis zu einem gewissen Grad auch die Möglichkeit der freien Meinungsäußerung. Olympia hat vielleicht einen kleinen Beitrag geleistet, beispielsweise ist in China seit wenigen Wochen Wikipedia zugänglich. Das lässt eine sehr breite Masse Hoffnung schöpfen, und Hoffnung gibt es auch auf mehr Umweltbewusstsein, öffentlichen Verkehr (ausgebaute U-Bahn), bessere Luft.

In vielerlei Hinsicht wird die Hoffnung enttäuscht werden. Vielleicht wird Wikipedia wieder abgedreht, und natürlich werden unzählige Fabriken wieder aufgedreht. Die China-Debatte auf der Amnesty-International-Homepage konnte und kann in China noch immer nicht geöffnet werden. In Wien würde man sagen: ein Schritt vor, zwei Schritte zurück. In Peking sagt man besser nichts. Auch während der Spiele sind Tibet-Aktivisten schon beim ersten "Free"-Ruf festgenommen worden, auch während der Spiele sind Menschenrechtler verschwunden. Zwei fast achtzigjährige Frauen, die sich über Zwangsräumungen ihrer Häuser beschwert hatten, wurden zu einem Jahr Arbeitslager verurteilt. Tausende solche Lager gibt es in China, Hunderttausende Regimegegner sollen dort ohne Gerichtsurteil umerzogen werden, das Motto heißt "Reform durch Arbeit".

Das IOC hat viel in Aussicht gestellt, nicht nur perfekt organisierte Spiele - davon war ja auszugehen bei der Manpower, bei dem Ehrgeiz -, sondern auch eine Verbesserung der Menschenrechtslage. Von Blauäugigkeit zu reden wäre verfehlt, Marketingschmäh trifft es schon eher. IOC-Präsident Rogge trat in Peking nur selten öffentlich auf - auch das eine ganz bewusste PR-Maßnahme. Wer sich der Kritik nicht stellt, schwächt sie ab.

Rogge schob eine Sprecherin vor, die von Zweckoptimismus reden musste und davon, dass "einiges nicht so zu geschehen scheint" wie vereinbart. Der Welt die Spiele der 29. Olympiade als Erfolg unterjubeln zu wollen, diesen letzten Verkaufsschmäh könnte sich Rogge sparen. Mit Pyrrhussieg käme er der Wahrheit näher. (Fritz Neumann; DER STANDARD; Printausgabe, 23./24.8.2008)

Share if you care.