Vom Prager Frühling zur Samtenen Revolution: Das Vermächtnis einer Revolte

22. August 2008, 19:31
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Die Ereignisse des August 1968 in der Tschechoslowakei und ihre Folgewirkungen aus Sicht der polnischen Demokratiebewegung - Von Adam Michnik

Was war der Prager Frühling? Oder, allgemeiner betrachtet, die Ereignisse von 1968? Ihre Bedeutung ist im Laufe der Zeit, so scheint es, nicht unstrittiger sondern strittiger geworden. Meine Generation wurde geprägt von Demonstrationen und Polizeiknüppeln, von den Hoffnungen, die nicht nur der Prager Frühling weckte, sondern auch die polnische Studentenbewegung in jenem März, die Ereignisse in Paris vom Mai und die ersten Anzeichen für eine russische Demokratie, die in den frühen Büchern von Sacharow und Solschenizyn Ausdruck fand. Für jene von uns, die in Polen inhaftiert waren, war der Prager Frühling ein Vorbote der Hoffnung. Selbst Polens kommunistische Zeitungen, die wir hinter Gittern lasen, berichteten über die großen Veränderungen, die in unserem südlichen Nachbarland stattfanden.
Deshalb erinnere ich mich an meine Erschütterung, als ich vom sowjetischen Einmarsch in die Tschechoslowakei im August erfuhr, und an das Trauma, das danach noch lange bestehen blieb. Am zehnten Jahrestag dieses Einmarschs trafen sich Václav Havel, Jacek Kuroñ und ich mit anderen Regimekritikern an der tschechisch-polnischen Grenze. Es gibt ein Foto von diesem Treffen: zukünftige Präsidenten, Minister und Abgeordnete, die damals von der Polizei wie gewöhnliche Kriminelle verfolgt wurden.

Diese Begegnungen waren aus dem Klima des Prager Frühlings entstanden. Wir alle hatten das Gefühl, etwas Neues zu erschaffen, das sich vielleicht eines Tages als ein wichtiger Bestandteil der Demokratie in unseren Ländern erweisen könnte.
Und so war es. Im August 1989 schlug ich im polnischen Diet einen Resolutionsentwurf vor, in dem wir uns bei den Tschechen und Slowaken für die polnische Beteiligung am Einmarsch von 1968 entschuldigten. Ich hatte das Gefühl, ein geschichtlicher Kreis schließe sich: Die Ideen der polnischen Ereignisse vom März und des Prager Frühlings, die Ideen unserer Treffen im Gebirge wurden zu politischen Fakten. Drei Monate später begann in Prag die Samtene Revolution. Der Hauptunterschied zwischen dem Prager Frühling und der Samtenen Revolution war, Ersterer war größtenteils das Werk von Mitgliedern der Kommunistischen Partei und anderer, die einen "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" herbeiführen wollten. Aus diesem Grunde tun heutzutage manche den Prager Frühling als Machtkampf zwischen Kommunisten ab. Tatsächlich war der Kommunismus aus vielerlei Gründen attraktiv, dazu zählten auch die Idee der allgemeinen Gerechtigkeit und der humaneren gesellschaftlichen Beziehungen und die Überzeugung, die westliche Vorherrschaft über die Welt nähere sich ihrem Ende. Und schließlich war der Kommunismus für manche – in einer Welt, die durch Jalta getrennt war – die einzige realistische Wahl für Mitteleuropa.

In der Tschechoslowakei sprachen kommunistische Reformer die demokratischen Ideale an, die tief in der Geschichte des Landes vor dem Zweiten Weltkrieg verwurzelt waren. Alexander Dubcek, der Anführer der tschechoslowakischen Kommunisten und das Symbol des Prager Frühlings, verkörperte die Hoffnung auf eine demokratische Entwicklung, echten Pluralismus und einen friedlichen Übergang zu einem Staat, der das Gesetz und die Menschenrechte achtet.
In Polen, das mit der Studentenbewegung vom März seine eigene vorsichtige Öffnung erlebt hatte, nutzte dagegen eine nationalistisch-autoritäre Fraktion alles aus, was die polnische Tradition an Intoleranz und Ignoranz aufwies, und setzte Fremdenfeindlichkeit und antiintellektuelle Rhetorik ein. Die polnische Freiheitsbewegung von 1968 verlor die Konfrontation mit der Polizeigewalt. Doch brachte das Jahr 1968 in beiden Ländern ein neues politisches Bewusstsein hervor. Die polnischen und tschechischen Widerstandsbewegungen, die nur wenige Jahre später aufkamen, hatten ihre Wurzeln in den Ereignissen von 1968.
Der Prager Frühling wurde durch eine Krise in der Kommunistischen Partei ausgelöst, doch verfälscht die Behauptung, er sei lediglich das Ergebnis politischer Plänkeleien unter Parteimitgliedern gewesen, die Geschichte und leugnet einen bedeutsamen Teil des nationalen Vermächtnisses.

Die Einstellung zum Kommunismus war für die antikommunistische Opposition immer ein umstrittenes Thema. Einige lehnten den Kommunismus in jeder Form ab. Die Mehrheit hatte jedoch auf die eine oder andere Weise bestimmte Berührungspunkte mit dem Kommunismus: durch intellektuelle Faszination, Beteiligung an staatlichen Institutionen oder der kühlen Überzeugung, man könne nur etwas Nützliches für sein Land tun, wenn man die Lebensrealität unter dem Kommunismus akzeptierte. Diese Personen, "befleckt vom Kommunismus", stellten die Mehrheit der Beteiligten an allen Aufständen gegen die kommunistischen Diktaturen dar.
Es gab jedoch eine andere Kategorie von Menschen: die "Vorsichtigen und Unbefleckten", die sich von der Welt der Politik fernhielten. Sie hassten den Kommunismus, doch aufgrund ihrer Überzeugung, das System könne nicht reformiert werden, vermieden sie den demokratischen Widerstand. Während andere Risiken eingingen oder in Gefängnissen saßen, funktionierten sie in offiziellen und legalen Strukturen.

Man sollte heute niemandem dieses Verhalten vorwerfen. Doch überrascht es mich, wenn diese Menschen die Beteiligten des Prager Frühlings und den demokratischen Widerstand beschuldigen, Verbindungen zum Kommunismus unterhalten zu haben.
Es liegt auf der Hand, dass der Kommunismus ein Instrument der sowjetischen Herrschaft über die eroberten Gesellschaften war, doch war er für große Teile dieser Nationen unter den Bedingungen, unter denen sie leben mussten, auch ein Modus Vivendi. Imre Nagy, Anführer des ungarischen Aufstands von 1956, und Dubcek wurden Teil ihrer nationalen Legenden, welche die Behauptung Lügen strafen, der Kommunismus sei ihnen ausschließlich aus dem Ausland aufgezwungen worden. Der Prager Frühling sprach grundlegende Werte an: Freiheit, Pluralismus, Toleranz, Souveränität und die Ablehnung des kommunistisch orthodoxen Diktats. Wenn ich nach 40 Jahren an diese Ereignisse zurückdenke, sehe ich nicht nur eine Revolte, sondern auch die große Illusion, es sei möglich, den Kreml zu überlisten und die Gesellschaft ohne Schmerzen aus dem Kommunismus in die Demokratie zu führen. Dieser Glaube war naiv, doch beförderte er auch ein nationales Erwachen, in dem das Potenzial zur Freiheit seine Stimme fand. 

(© Project Syndicate, 2008; aus dem Englischen von Anke Püttmann/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23./24.8.2008)

  • Adam Michnik war einer der Anführer von Solidarnosc und Gründer der Zeitung "Gazeta Wyborcza".
    foto: newald
    Foto: Newald

    Adam Michnik war einer der Anführer von Solidarnosc und Gründer der Zeitung "Gazeta Wyborcza".

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    Foto: REUTERS/Kacper Pempel

    Freiheitsliebe in Warschau: Begegnung vor einem Plakat zur Erinnerung an die polnischen Studentenproteste wenige Monate vor der Invasion in Prag.

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