"Ein Metzger kann nicht plötzlich Imam werden"

22. August 2008, 19:15
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Zwei Einwanderer kämpfen im römischen Parlament für die Integration von Ausländern

Dass der Begriff Einbürgerung Innenminister Roberto Maroni als "Fremdwort" gilt, versteht Souad Sbai als Anreiz. "Wir werden für die Erweiterung seines Wortschatzes sorgen", sagt die 47-jährige gebürtige Marokkanerin lächelnd. Freilich: Mit ihrer Forderung nach "Legalisierung aller Immigranten mit geregeltem Arbeitsplatz" steht die vitale Abgeordnete im Rechtsbündnis so ziemlich alleine da.

Mehrere Fronten

Das stört die gebürtige Marokkanerin nicht, die in Rom mit einer Arbeit über islamisches Recht promovierte. Sie ist es gewohnt, an mehreren Fronten zu kämpfen: gegen Rassismus, gegen Landsleute, die ihre Frauen unterdrücken, gegen Abschottung und Fundamentalismus, gegen Hassprediger in den Moscheen.

"Wie kann einer, der noch vor drei Monaten Metzger war, plötzlich Imam einer Moschee werden?", erregt sich Souad Sbai und fordert vom italienischen Staat eine entsprechende Regelung. Ihr jüngster Erfolg liegt erst wenige Tage zurück. Da befreite die Polizei in Brescia eine Marokkanerin, die von ihrem Mann in der Wohnung über Monate weggesperrt worden war. Sie wurde mit ihrer Tochter in ein Frauenhaus überstellt und soll nun in ihre Heimat zurückkehren.

"Wir werden ihr einen Anwalt für die Scheidung besorgen", kündigt Sbai an. Die Befreiung in Brescia war die dritte innerhalb einer Woche: Folge von "Analphabetismus, der bei Immigrantinnen viel höher ist als in Marokko, wo die Frauen in den letzten Jahren einen enormen Sprung nach vorn gemacht haben".

Aus dem Kongo ins Parlament

Auf positive Entwicklungen in seiner Heimat hofft Jean Leonard Touadi dagegen seit Jahren vergeblich. Der aus Brazzaville stammende Abgeordnete des Partito Democratico war zum Studium nach Italien gekommen, um dann in sein Land zurückkehren: eine Absicht, die ein Putsch linker Militärs vereitelte.

Der erste Schwarze im italienischen Parlament ist mit einer Italienerin verheiratet und Vater von vier Kindern. Die täglichen Bilder aus Lampedusa erfüllen den Journalisten mit "tiefer Trauer": "Dass ich keiner von ihnen bin, verdanke ich nur dem Zufall. Ich war etwas privilegierter." Die Reaktionen der EU auf die zunehmende Immigration hält er für einäugig. "Die Europäer geben eine Unmenge Geld aus, um diesen Fluss zu stoppen - mit miserablen Ergebnissen", findet Touadi. "Sie lassen jede Weitsicht vermissen."

Solange afrikanische Bauern für ihre Produkte Hungerpreise erhielten, werde sich an Armut und Unterentwicklung nichts ändern. Das italienische Fremdengesetz verdiene diesen Namen nicht, findet Jean Leonard Touadi. In der Tat: Viele seiner Landsleute werden vor allem im Süden der Halbinsel wie Sklaven ausgebeutet - etwa bei der Tomatenernte. Denn Italien lässt Ausländer zwar ins Land, schert sich aber nicht um deren Integration.

Staatliche Maßnahmen sind inexistent, Initiativen überlässt man den Gemeinden oder Hilfsorganisationen wie der Caritas. Die Doppelzüngigkeit der Regierung macht das Beispiel der über 300.000 Altenpfleger deutlich. Obwohl sie über einen Arbeitsplatz verfügen, verweigert ihnen die Regierung die Aufenthaltsgenehmigung. Da ihre Arbeit als "sozial unverzichtbar" gilt, dürfen sie in Italien bleiben - als offizielle Illegale. (Gerhard Mumelter aus Rom/DER STANDARD, Printausgabe, 23./24.8.2008) 

 

  • Als Migranten in die Politik: Souad Sbai (links) und Jean Leonard Touardi (rechts). 
    Fotos: Mumelter

    Als Migranten in die Politik: Souad Sbai (links) und Jean Leonard Touardi (rechts). 

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