Kopf des Tages: Keine Gnade für den ehemaligen Yukos-Chef

22. August 2008, 19:11
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Michail Chodorkowski: Gericht lehnt seine vorzeitige Haftentlassung ab

Marina Filippownas größter Wunsch bleibt unerhört. Im Herbst feiert sie mit ihrem Mann Boris Moiseewitsch die Goldene Hochzeit. In einem Brief an den russischen Präsidenten Dmitri Medwedew bat sie, dass sie dieses Fest gemeinsam mit ihrem Sohn Michail feiern darf.

Dieser sitzt bereits seit 1762 Tagen in Haft. Ein russisches Gericht hat nun auch die letzte Hoffnung Marinas zunichte gemacht und den Begnadigungsantrag ihres Sohnes, Michail Chodorkowski, abgewiesen.

Wie kein anderer verkörpert der ehemalige Yukos-Chef den Aufstieg der Oligarchen im Raubritterkapitalismus der Jelzin-Ära. Geschickt nutzten damals ehemalige Parteifunktionäre ihre guten Beziehungen, gesetzliche Schlupflöcher und die kollabierende Wirtschaft aus, um sich russisches Staatseigentum anzueignen.

Einer, der dieses Spiel besonders gut beherrschte, war der Chemiker und Komsomolfunktionär Chodorkowski. Bereits zur Zeit der Sowjetunion, als privates Unternehmertum eigentlich verboten war, ging der in eine Moskauer Arbeiterfamilie geborene Chodorkowski lukrativen Handelsgeschäften nach. Seinen größten Coup landete er 1995.

Mithilfe seiner Bank Menatep, die etliche Privatisierungen abwickelte, erwarb Chodorkowski die Mehrheit am maroden Ölkonzern Yukos für rund 300 Millionen Dollar. Innerhalb weniger Jahre baute er Yukos nach westlichen Maßstäben um und schaffte so den größten Ölkonzern Russlands, der 40 Milliarden Dollar wert war.

Doch Chodorkowskis politische Ambitionen und auch seine Pläne, einen US-Konzern an Yukos zu beteiligen, machten dem Tellerwäscher-zum-Millionär-Traum ein jähes Ende. Chodorkowski wurde 2003 verhaftet und 2005 wegen Steuerhinterziehung und Betrug zu acht Jahren Arbeitslager in Sibirien verurteilt.

Dort hat es der 45-Jährige, der seine Frau und vier Kinder seit fünf Jahren nicht mehr gesehen hat, nicht gerade leicht. 2006 schnitt ihm ein Mitgefanger im Schlaf die Nase auf. Immer wieder wird Chodorkowski, der von seinen Wächtern als "ruhig, verschlossen und verlogen" beschrieben wird, in Isolationshaft gesteckt: zehn Tage, weil er von einem Mithäftling eine Zitrone und zwei Äpfel angenommen hatte.

Trotz allem gibt Marina den Kampf um ihren Sohn nicht auf: "Michail hat sich nicht brechen lassen. Die Jahre des Unglücks und der Entbehrung haben seine Entschlossenheit nur gestärkt. Seine besten Jahren, die seiner größten Errungenschaften, liegen noch vor ihm." (Verena Diethelm/DER STANDARD, Printausgabe, 23.8.2008)

 

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