Einwanderungskontinent wider Willen

22. August 2008, 19:15
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Europa braucht Zuwanderer - doch in den Integrationspolitiken der Mitgliedsstaaten spiegelt sich diese Erkenntnis nicht wider

Einwanderer bringen ihren neuen Ländern mehr, als sie sie kosten. In der startenden neuen STANDARD-Serie werden Migranten aus ganz Europa vorgestellt, die es trotz
zum Teil misslicher Bedingungen geschafft haben - etwa als Politiker in Italien.

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Was Einwanderer erfolgreich macht, ist nicht viel anders als das, was auch angestammten Staatsbürgern nutzt, meint Bernhard Perchinig: "Am Wichtigsten sind rechtliche Sicherheit in Sachen Aufenthalt und der Zugang zum Arbeitsmarkt. Auch politische Partizipation wäre zentral, also Wahlrechte auf verschiedenen Ebenen", sagt der österreichische Migrationsexperte, der an einer Reihe EU-weiter Projekte über Zuwanderungs- und Integrationspolitik beteiligt ist.

Auch die sogenannten weichen Faktoren - die gesellschaftliche Atmosphäre, die den Neuankömmlingen entgegenschlägt - stünden mit diesen Rahmenbedingungen in Zusammenhang: "Die mehr oder weniger integrationsfördernde Stimmung gegenüber Ausländern in einer Gesellschaft spiegelt den gesetzlichen Stand der Dinge wider", ist Perchinig überzeugt.

Also könne die derzeit in der EU überwiegend zuwanderungskritische Stimmung unter anderem durch den Umstand erklärt werden, dass Ausländer im reichen Europa politisch nur wenig mitzubestimmen haben. Und dass Diskussionen über eine Ausweitung von Wahlrechten für Menschen von außerhalb der EU gar nicht geführt werden. Weder in Brüssel - und in den Einzelstaaten schon gar nicht.

Harter Weg nach oben

Aus einem solchen Blickwinkel betrachtet haben erfolgreiche Einwanderer wie die koreanisch-wienerische Köchin Sohyi Kim - oder auch die französische Justizministerin Rachida Dati, die Tochter von Einwanderern ist - auf ihrem Weg nach oben ein beträchtliches Ausmaß an Robustheit an den Tag legen müssen. Denn die Staaten, in die sie oder ihre Eltern immigriert sind, sowie die Union, die diese Staaten zusammenhält, sind zwar schon seit vielen Jahren eindeutig Zuwanderungsgesellschaften. Aber das vielfach wider Willen.

Tatsächlich nimmt die Zahl von Menschen, die gekommen sind, um zu bleiben, in der EU und ihren meisten Mitgliedstaaten von Jahr zu Jahr zu. 1,15 Millionen Einwanderer kamen im Jahr 2001 aus Drittstaaten oder wechselten aus einem Staate der Union in einen anderen, 2005 waren es bereits 2,13 Millionen, ist dem aktuellen Jahrbuch des Europaischen Statistischen Zentralamtes, Eurostat, zu entnehmen.

Allein im Jahr 2005 umfasste die Nettoeinwanderung - das ist die Zahl jener Menschen, die eine fixe Niederlassungsbewilligung bekamen - in Spanien 641.000, in Italien 324.000 Personen. Im Vergleich ziemlich bescheiden nimmt sich hier die Nettozuwanderung nach Österreich aus: 56.000 Menschen.

Ins klassische Einwanderungsland Kanada seien in diesem Jahr nur rund 300.000 Menschen eingewandert, erläutert Perchinig: in eine Aufnahmegesellschaft, die weitaus mehr gezielte Anstrengungen als Europa setze, um die Neuen im Land rechtlich zu integrieren. Und ihnen damit den Start weitaus leichter mache als die meisten europäischen Staaten.

In Europa nämlich habe sich der "Diskurs um Integration von der noch in den 1990er-Jahren im Mittelpunkt stehenden Frage, welche Teilhabechancen Fremde in der neuen Gesellschaft haben, auf die Frage von deren Verhaltensweisen reduziert". Statt Einwanderern lebbare Rahmenbedingungen zu verschaffen, müssten die Einwanderer selbst Bedingungen erfüllen, um sich der Aufnahme im neuen Land wert zu erweisen. Ein Entweder-Oder, das zu Verwerfungen führe, weil es den Integrationsbegriff laut dem Sozialexperten der österreichische Diakonie, Martin Schenk, "rein kulturalistisch fasst". ÖVP-Innenministerin Maria Fekters neue Wortkreation, die sogenannten Kulturdelikte, passten da "gut ins Bild".

Einwanderer dringend gesucht

Probleme könnte das Ignorieren des Umstands, dass sogar zusätzliche Einwanderer dringend gebraucht werden, mittelfristig für den europäischen Arbeitsmarkt bringen. Bleibt die Zuwanderung in die EU gleich hoch wie derzeit, so wird die Zahl der Menschen im arbeitsfähigen Alter bis 2060 von derzeit 235 Millionen auf 185 Millionen zurückgehen. Sollten, wie es Populisten fordern, die Grenzen sogar dicht gemacht werden, würde sie auf nur 130 Millionen schrumpfen. (Irene Brickner/DER STANDARD, Printausgabe, 23./24.8.2008)

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    Erfolgreiche Einwanderer und ihre Kinder: Fernsehstar Gülcan Kaharanci, Fußballer Ümit Korkmaz, Telekom-Chef Boris Nemsic, Milliardär Mohamed Al-Fayed, Ex-Model Waris Dirie, Mi- nisterin Rachida Dati, Köchin Sohyi Kim.

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