Wie Raiffeisen im Land regiert

22. August 2008, 18:55
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Die Genossenschaft zieht die Fäden in Politik, Wirtschaft und Medien

Wien - Die wirkliche Macht hat ihren Sitz ganz oben - und so ist es gewissermaßen auch in Österreich. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich Raiffeisen jede Menge Macht erobert - in Wirtschaft, Politik und Medien. Raiffeisen regiert das Land, sagen viele - und meinen damit den Chef des Sektors, den Generalanwalt des Österreichischen Raiffeisen-Verbandes, Christian Konrad. Er ist 65, katholisch, sehr gläubig, ÖVP-Mann und gilt als einer der best vernetzten, wenn nicht der bestvernetzte, Manager des Landes.

Würde es eines Beweises bedürfen: Die Einladungsliste fürs Sauschädelessen wäre einer. Das Ereignis, bei dem der Namensgeber eine höchst untergeordnete Rolle spielt, richtet Niederösterreichs Landesjägermeister Konrad alljährlich rund um den 6. Jänner aus. Zu sagen, dass kommt, wer Rang und Namen hat, wäre unvollständig: Wer nicht geladen ist, sollte um Rang und Namen fürchten. Egal, welcher Partei er angehört.

Politik im Hintergrund

Raiffeisen macht Politik; im Hintergrund und ganz direkt. Letzteres etwa durch Raiffeisen-Generalsekretär Ferry Maier, der für die ÖVP im Nationalrat sitzt. Der Mann im Hintergrund ist politisch nur einmal unterlegen: Konrad war strikt gegen die schwarz-blaue Koalition Wolfgang Schüssels. Kein Problem war es dagegen, im Juli 2006 die von Grasser unterstützte Öffnung des Casino-Monopols (Raiffeisen ist beteiligt) über Nacht zu kippen.

Raiffeisen selbst ist, lapidar ausgedrückt, ein Konglomerat aus rund 1600 Genossenschaften; 600 Raiffeisen-Banken, hundert Lagerhäusern, einem Dutzend Molkereien, 160 Käsereien, und dann kommen noch an die 700 andere Unternehmen sowie substanzielle Beteiligungen am Zuckerriesen Agrana und am Bau-Imperium Strabag.

In der Bankenlandschaft zählen die Raiffeisenkassen zum Sektor unterm Giebelkreuz (die wurden früher auf Hausdächern angebracht, auf dass sie Böses abwehren), denen gehören die Raiffeisen Landesbanken (RLB), die wiederum am Spitzeninstitut Raiffeisen Zentralbank (RZB) beteiligt sind. Sie hält rund 70 Prozent der börsennotierten Ostbanken-Holding, Raiffeisen International (RI), die in 17 Ostländern aktiv ist.

RZB-Chef Walter Rothensteiner wieder ist Chef der Sparte Banken und Versicherungen in der Wirtschaftskammer - womit die Bankenbranche perfekt abgedeckt ist.

Draht in die Notenbank

Umso mehr, als auch der Draht in die monetäre Schaltzentrale am Otto-Wagner-Platz, die Oesterreichische Nationalbank (OeNB), ein direkter ist. An ihr ist die RZB mit 8,73 Prozent beteiligt; die Mitgliedschaft im Generalrat sichert nicht unwesentliche Mitspracherechte, etwa bei der Bestellung der Führungskräfte. Jetzt gerade geht eine Art Doppel-Ära zu Ende: OeNB-Gouverneur Klaus Liebscher geht in Pension; er war jahrelang RZB-Chef. Mit ihm verlässt ein weiterer Raiffeisen-Verbündeter die Bank der Banken: OeNB-Präsident Schimetschek, der ehemalige Boss der Versicherung Uniqa, die engstens mit Raiffeisen liiert ist (Aufsichtsratschef: C. Konrad).

Die Raiffeisen-Holding NÖ,Wien (Obmann: C. Konrad) ist eines der größten Unternehmen Österreichs, milliardenschwer. Diese Benchmark vor Augen hat sich auch Ludwig Scharinger (Spitzname: "Luigi Monetti" ), Chef der RLB Oberösterreich, in innersektoraler Konkurrenz zu Konrad einen Konzern mit Beteiligungen sonder Zahl gebaut. Er ist Engagements (etwa an der Voest) eingegangen, mit denen er sich zu einer Art österreichischer Kernaktionärspapst stilisiert hat. Keine Überraschung also, dass Scharinger auch Interesse an der Sperrminorität der AUA angemeldet hat.

Medienbeteiligungen

Einer der besonders muskulösen Arme ist jener, der in die Medien reicht: Raiffeisen ist via Medicur an Kurier, Kronen Zeitung, Mediaprint und News-Verlag beteiligt (profil, Trend, News, Format u.v.a.). Manchmal macht man auch ORF-Chefs, so geschehen bei Monika Lindner. Die mit Niederösterreichs Landeschef Erwin Pröll gut Vertraute hatte vor ihrer Kür (2001) die Jagdprüfung abgelegt und wurde auch nach ihrer Abwahl nicht fallengelassen. Sie berät die Medicur.

Der Raiffeisen-Boss selbst beschrieb dem STANDARD seinen Einfluss vor drei Jahren so: "Mein Gott, ich bin 62, kenne viele Leute und habe Erfahrungen. Manchmal werde ich eben gefragt, aber ich erteile keine politischen Ratschläge."

Im Juli wurde er 65 - seither gibt es den Raiffeisen-Boss 13-mal. Einmal in echt und zwölfmal als russische Matroschka-Puppe. Die hat ihm Rothensteiner geschenkt. (gra, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23./24.8.2008)

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